Rezension zu Zeitkurier von Wesley Chu

In der Zukunft ist die Erde ein verödeter Planet und die Menschheit hat sich ins All geflüchtet. Ressourcenknappheit ist ein großes Problem, doch dafür gibt es ja ChronoCom und die Chronauten – Agenten, Zeitkuriere, die in die Vergangenheit zurückgeschickt werden, um dort Ressourcen zu sammeln, die in der Zukunft dringend gebraucht werden. Doch um das Zeitkontinuum nicht in Unordnung zu bringen, gibt es strenge Regeln und die Bergung von Ressourcen erfolgt immer zu Zeitpunkten, an denen aufgrund von Katastrophen niemand bemerkt, dass Ressourcen verschwunden sind. Und so reisen die Zeitkuriere an die Schauplätze von Bombenexplosionen, Atomunfällen und Naturkatastrophen und sammeln nicht nur Ressourcen, sondern auch Eindrücke, die ihre Spuren hinterlassen.

Zeitreisen sind ja so ein Thema, mit dem mich Autoren eigentlich immer relativ schnell davon überzeugen können, ihren Roman in die Hand zu nehmen. Ich finde das Thema einfach unglaublich faszinierend, die Möglichkeiten, die es eröffnet die vielfältigen Umsetzungen, die Aussicht Blicke in Vergangenheit, Zukunft und/oder Gegenwart einer Welt, eventuell sogar unserer Welt, werfen zu können. Einfach großartig. Allerdings sind natürlich auch meine Erwartungen in diese Bücher dementsprechend groß und das war auch bei Wesley Chus „Zeitkurier“ nicht anders. Leider muss ich sagen, dass der Roman diese Erwartungen nur zu Teilen erfüllen konnte.

So fand ich die Zeitreisen an sich eigentlich ausgesprochen gut umgesetzt. Ja, um Technogeblubber macht der Autor einen großen Bogen und legt seinem Protagonisten dafür eine Erklärung in den Mund, die man elegant oder lächerlich finden kann – als Fan von Technogeblubber bin ich mir ehrlich gesagt nicht ganz sicher, ob ich diese Lösung mochte, auch wenn das Argument, dass man im Leben nur Zeit hat, das Zeitreisen zu meistern ODER die Technik dahinter zu verstehen, aber nicht beides, durchaus wahr sein mag. Mangel an Technogelaber hin oder her, das, was man über die Zeitreisen erfährt, und vor allem über ihre Auswirkungen auf die Zeitagenten, scheint durchaus gut durchdacht und gerade die psychologischen Konsequenzen waren meiner Meinung nach auch gut dargestellt.

Das zeigt sich auch ganz klar an Protagonist James, an dem seine Arbeit als Zeitkurier nicht spurlos vorbeigegangen ist. Er ist Alkoholiker, steht dem Leben mehr als nur ein wenig zynisch gegenüber und wird von den Eindrücken seiner Zeitreisen geplant. Außerdem flucht er nicht gerade wenig und ich muss zugeben, der Punkt hat mich nach einer Weile wirklich genervt – etwas weniger Kraftausdrücke hätten es auch getan. Auch sonst ist James für mich nicht gerade der zugänglichste Protagonist gewesen, was vielleicht auch der Grund für einigem einer späteren Probleme mit der Geschichte war, denn, oh Wunder, unser Protagonist verliebt sich! Natürlich nicht in eine Frau aus seiner Zeit und natürlich greift er deshalb ins Zeitkontinuum ein, das einzige wirklich Problem? Ich habe ihm seine Gefühle für diese Frau, für die er alles aufs Spiel setzt, einfach nicht abgenommen, die Romanze bleibt meiner Meinung nach viel zu flach, um so ein relevantes Handlungselement zu sein.

Auch sonst hat mir an diesem Roman einfach was gefehlt: Nicht nur die Charaktere sind nicht ausgearbeitet genug, es gibt auch einfach zu wenig Hintergrund. Den Mangel an technischen Erklärungen habe ich ja schon erwählt, aber leider waren auch viele der historischen und politischen Zustände für mich einfach nicht wirklich nachvollziehbar. Viele Elemente stützen sich auf gängige SciFi-Klischees, was aber nicht bedeutet, dass man deshalb innerhalb dieser speziellen Welt keine Erklärung für ihre Existenz liefern müsste, nur leider kommt genau das hier zu kurz. Oder es ist nicht gut durchdacht, denn an mehr als einer Stelle hatte ich das Gefühl, dass der Autor Umstände einfach mal kurz anpasst, damit sie zur weiteren Handlung passen, völlig egal, ob sie im vorherigen Kapitel vielleicht ganz anders waren. Leider fand ich die Hintergründe teils so lückenhaft, dass ich mir nicht sicher bin, ob es einfach schlecht erklärt war oder es wirklich offene Widersprüche waren.

Trotzdem muss ich sagen, dass ich irgendwie auch Spaß an dem Roman hatte. Er ist gut zu lesen, denn der Schreibstil ist flüssig und die Handlung recht flott und wenn man, wie ich, sonst eher selten SciFi liest, fallen einem auch viele Klischees erst rückblickend auf. Deshalb kriegt „Zeitkurier“ von Wesley Chu von mir trotzdem noch ganz gute 3 Sterne – die Fortsetzung werde ich aber wohl nicht mehr lesen.

Für Fans von…

  • Zeitreisen
  • SciFi im Blockbuster Stil

Was andere Blogger sagen:

Mandy von Glutton for Books | Christina von Die dunklen Felle | Michelle von Michelle Yolanda’s Booktalk

Habt ihr das Buch gelesen und rezensiert? Dann lasst mir doch einen Kommentar da und ich verlinke eure Rezension hier 😊

 

Veröffentlicht von Rike

20something | bibliomanisches Bücherfresserchen, Leseratte, Bibliophile | begeisterte Fantasy-Leserin, die auch gerne mal queerbeet liest | Studentin der Anglistik, Amerikanistik und Germanistik | bekloppter Sprachnerd, der zusätzlich noch Spanisch, Niederländisch und Russisch lernt | Serienjunkie, Geek (und manchmal Fan) Girl | Whovian | Chaotin | BookCrosserin | Bloggerin seit ca. 2005 und seit 2010 konstant auf Anima Libri - Buchseele

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