Rezension zu Gelöscht von Teri Terry

Es gibt Bücher, die können einen trotz anfänglicher Skepsis von der ersten Seite an begeistern. Und es gibt Bücher, bei denen die letzten paar Seiten das gesamte vorherige Leseerlebnis zerstören, ganz egal wie gut es war. „Gelöscht“ von Teri Terry ist eins der Bücher, die in beide diese Kategorien fallen.

Eigentlich habe ich die Nase ja doch ziemlich voll von Dystopien. An diesem Buch hatte mich die Idee des „geslated“-Werdens dann aber doch sehr gereizt. Skeptisch war ich allerdings nichtsdestotrotz, denn es ist mir für meinen Geschmack definitiv schon zu oft passiert, dass ich mich sehr auf die Umsetzung einer bestimmten dystopischen Idee gefreut habe, nur um dann eine Geschichte zu lesen, in der die Dystopie nicht mehr als ein schemenhafter Hintergrundgedanke ist. Dass das in Teri Terrys Roman nicht der Fall ist, merkt man zum Glück schon nach wenigen Seiten.

In der Welt von „Gelöscht“ kommen Straftäter unter 17 Jahren nicht etwa ins Gefängnis – Nein, sie werden „geslated“ und ihre sämtlichen Erinnerungen werden gelöscht. Dadurch haben die Jugendlichen auch keinerlei Erinnerungen mehr an ihre Straftaten oder ihre Motivationen dafür und können so rehabilitiert und wieder in die Gesellschaft eingegliedert werden. Sechs Monate lernen die sogenannten Slater dann wieder wie man läuft, wie man spricht und grundlegende Schulbildung, bevor sie in die Obhut einer Familie entlassen werden, die sie fortan als ihre Familie betrachten sollen – denn das steht in dem Vertrag, den sie bei ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus unterschreiben müssen.

Und um sicher zu gehen, dass keiner von ihnen jemals wieder rückfällig wird, löscht man nicht einfach nur ihre Erinnerungen sondern erhöht gleich auch noch die Ausschüttung von Glückshormonen im Hirn, in das man ihnen dann auch direkt noch einen Chip einpflanzt, der ihre Gefühle misst. Angezeigt werden diese Gefühle dann auf dem sogenannten Levo, einem Armband mit Display, das einen Wert zwischen 1 und 10 anzeigt, wobei ein hoher Wert bedeutet, dass der Slater glücklich ist, während niedrige Werte negative Gefühle, die Agressionen auslösen könnten, repräsentieren, so wie Angst, Trauer und Wut.

Die 16-jährige Protagonistin Kyla ist ein solcher Slater und nach ungewöhnlich langen neun Monaten im Krankenhaus, wird sie nun in die Obhut der Familie Davis, bestehend aus „Mum“, „Dad“ und Amy, ihrer neuen großen Schwester, die ebenfalls vor einigen Jahren geslated wurde, gegeben. Und diese Familie hat es mir von Anfang an angetan. Auf den ersten Blick wirken die Charaktere, nicht nur in der Familie sondern auch alle anderen, oberflächlich und die Rollenverteilung klar, doch je weiter die Handlung fortschreitet und je klarer Kylas Wahrnehmung und je schärfer ihre Auffassungsgabe wird, desto deutlicher wird auch die vorher verborgene Vielschichtigkeit der Charaktere und das komplexe Beziehungsgeflecht zwischen ihnen – auch wenn man die meisten bis zum Ende hin nicht vollends (und teilweise nicht mal ansatzweise) durchschaut.

Was mich auch schon direkt zu dem zweiten Punkt bringt, der mich an diesem Buch so begeistert hat: Kyla und die Art, auf die Terry ihre Entwiclung darstellt. So ist Kyla zu Beginn zwar nicht direkt arglos oder naiv (etwas, was sie von Anfang an von anderen Slatern unterscheidet), aber sie kann eben auf keinerlei Erfahrungen zurückgreifen und wird dadurch ständig mit neuen und ungewohnten Situationen konfrontiert. Es war wahnsinnig spannend und fesselnd zu lesen, wie sie langsam anfängt Puzzleteile zu erkennen und sie, zumindest teilweise, zusammenzusetzen.

Das wurde vor allem auch durch die Tatsache unterstützt, dass „Gelöscht“ einen Tiefen Einblick in die von der Autorin geschaffene Welt ermöglicht. Hier gibt es Hintergrundinfos und historisches en masse, allerdings nicht geballt uf einem Haufen, z.B. in Form einer seitenlangen Aufklärungsrede des mysteriösen Fremden, der endlich Licht ins Dunkel bringt (eine in meinen Augen äußerst nervige und wenig elegante Lösung), sondern häppchenweise und elegant verpackt in Kylas Beobachtungen und ihren Gesprächen mit anderen Figuren sowie den Schlüssen, die sie aus beidem zieht. Eine durchweg spannende und feselnde Umsetzung.

Allerdings hat mich das Buch, wie ja schon angekündigt, leider nicht restlos begeistern können. Da ist zum einen die Liebesgeschichte, die mich die ganze Zeit etwas genervt hat, weil sie im Gegensatz zur restlichen Geschichte stellenweise seltsam schwammig und etwas erzwungen wirkt. Allerdings gehört sie doch zu den vergleichsweise harmlosen und erträglichen nervigen Liebesgeschichten, und ist im Vergleich zum restlichen Buch auch nur ein minimaler Minuspunkt.

Der wirkliche Minuspunkt war hier für mich das Ende. Nicht, dass es hier einen dieser schrecklichen Cliffhanger gab, die wirklich alles offen lassen und wirken, als hätte man die Geschichte einfach mittendrin abgebrochen, nein, das Ende ist zwar offen, aber ich finde, dass die Autorin hier genau den richtigen Punkt für den Abschluss gefunden hat und ihr die Balance zwischen zumindest teilweise abgeschlossener Handlung und Serienauftakt, der Lust auf mehr macht, wirklich gut gelungen ist – zumindest in der Theorie. Denn inhaltlich konnte ich mit den Ereignissen auf den letzten Seiten nur begrenzt etwas anfangen. Zwar fand ich die Geschehnisse an sich logisch (und hatte sie auch schon eine Weile erwartet), aber die Art, auf die Kyla sich durch diese Ereignise verändert – und sie verändert sich sehr stark – hat mir überhaupt nicht gefallen, sodass ich jetzt nicht mehr weiß, ob ich ein Buch mit dieser Person als Protagonistin wirklich lesen will.

Alles in allem hat mir „Gelöscht“ hervorrgend gefallen und mich vor allem durch die ausgesprochen gelungene technische Umsetzung, die komplexe Welt und die vielschichtigen Charaktere begeistert, nur leider hat das Ende die Geschichte für mich ein wenig ruiniert, sodass ich dem zweiten Band überaus skeptisch gegenüberstehe. Trotzdem eine dicke Empfehlung an Fans düsterer und nüchterner (sieht man mal von der kleinen Liebesgeschichte ab) Dystopien.

Veröffentlicht von Rike (Filia Libri)

20something | bibliomanisches Bücherfresserchen, Leseratte, Bibliophile | begeisterte Fantasy-Leserin, die auch gerne mal queerbeet liest | Studentin der Anglistik, Amerikanistik und Germanistik | bekloppter Sprachnerd, der zusätzlich noch Spanisch, Niederländisch und Russisch lernt | Serienjunkie, Geek (und manchmal Fan) Girl | Whovian | Chaotin | BookCrosserin | Bloggerin seit ca. 2005 und seit 2010 konstant auf Anima Libri - Buchseele

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