Rezension zu Für alle Tage, die noch kommen von Teresa Driscoll

Ich mag emotional vorbelastet sein, aber „Für alle Tage, die noch kommen“ von Teresa Driscoll ist einer der wenigen Romane, bei deren Lektüre ich tatsächlich angefangen habe zu weinen. Auf drei Eben erzählt die Autorin hier die Geschichte einer jungen Frau und ihrer Familie, von Leben und Tod, vom Abschied nehmen und Verlassen werden. Da ist Protagonistin Melissa, die gerade den Hochzeitsantrag ihres Freundes abgelehnt hat und auch nach 17 Jahren noch sehr unter dem für sie plötzlichen Tod ihrer Mutter leidet. Ihr Vater, Max, dessen Beziehung zu seiner Tochter ebenso unter dem vorzeitigen Tod seiner Frau leidet wie sein Liebesleben. Und natürlich Eleanor, die Mutter, die an Brustkrebs starb, ohne ihrer damals achtjährigen Tochter jemals von ihrer Krankheit zu erzählen und ihr nun, Jahre später, vom Rechtsanwalt ein Buch aushändigen lässt, indem sie neben Rezepten vor allem Erinnerungen an die Zeit mit ihrer Tochter und Wünsche für deren Zukunft niedergeschrieben hat – und ein paar Überraschungen.

Vor ein paar Jahren bekam meine Mutter die Diagnose Brustkrebs. Was darauf folgte, war eine Zeit mit Höhen und Tiefen, mit Monaten, in denen ich jeden Kontakt nach Hause vermieden habe und Monaten, die komplett bei der Familie verbracht habe. Über mehrere Jahre hinweg haben wir gelebt und gelacht, uns gestritten und wieder versöhnt und die Zeit im großen und ganzen wohl doch alle eher genossen – und zwar nicht obwohl, sondern gerade auch wegen dieser Diagnose und allem, was ihr gefolgt ist, so geht es mir damit zumindest. Und ich könnte mir jetzt, einige Woche nachdem die Folgen dieser Krankheit und der Behandlungen meine Mutter endgültig eingeholt haben, nicht vorstellen diese Zeit zu missen.

Natürlich bin ich keine acht mehr. Ich bin auch älter als die Autorin beim Tod ihrer Mutter, die an Brustkrebs starb, als Teresa Driscoll 17 war, und deutlich näher an dem Alter, dass Melissa im Roman hat, als sie das Buch ihrer Mutter erhält. Ich hatte dreimal mehr Jahre mit meiner Mutter als der Protagonistin mit ihrer vergönnt waren. Auch der Krankheitsverlauf meiner Mutter war anders, nicht zuletzt, weil ihr Krebs nicht erst im vierten und damit letzten Stadium entdeckt wurde sondern sehr früh, auch wenn das am Endergebnis ja auch nichts geändert hat. Aber langer Rede kurzer Sinn, was ich eigentlich mit diesem sentimentalen Geschwafel sagen wollte, war: Ich könnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass meine Mutter „einfach so“ gestorben wäre, ohne Abschied, obwohl sie genau wusste, was ihr bevor steht.

Aber Melissas Mutter hat ihr diesen Abschied verwehrt, ihre Krankheit vor der Tochter geheim gehalten. Warum? Weil der Tod ihrer Mutter ihr so oder so das Herz zerrissen hätte und sie ihrer Tochter so noch etwas länger eine unbeschwerte Kindheit sichern wollte? Weil es besser für eine Achtjährige ist, das unbestimmte Gefühl zu haben, dass etwas mit ihrer Mama nicht stimmt und diese dann ganz plötzlich zu verlieren, als zu wissen, dass sie bald sterben wird und die Möglichkeit zu haben, Abschied zu nehmen? Bereits ganz zu Beginn des Buchs, das sie ihrer Tochter hinterlässt, räumt Melissas Mutter ein, dass ihre Entscheidung damals durchaus völlig egoistisch und durch die Augen ihrer Tochter betrachtet auch komplett falsch gewesen sein mögen – und während mein Herz mit jedem Satz ein bisschen für die mittlerweile erwachsene, aber offensichtlich immer noch unter den Ereignissen leidende Melissa blutete, konnte ich irgendwo auch ihre Mutter verstehen.

Der Roman von Teresa Driscoll ist gleichzeitig herzzerreißend und hoffnungsvoll und auf jeden Fall ein wundervolles, bittersüßes Buch, das ich nur jedem Empfehlen kann, den die Inhaltsangabe auch nur ansatzweise anspricht. „Für alle Tage, die noch kommen“ ist flüssig geschrieben und spannend zu lesen, wenn man sich einmal in die Sprünge zwischen den Familienmitgliedern und Gegenwart und Vergangenheit eingewöhnt hat. Mich persönlich hat dieser Roman zu tiefst berührt und daher gibt es von mir auch ein großes Lob an die Autorin, außerordentliche sechs Sterne und eine dicke Empfehlung für das Buch und große Vorfreude auf das nächste Werk von Teresa Driscoll!

Veröffentlicht von Rike

20something | bibliomanisches Bücherfresserchen, Leseratte, Bibliophile | begeisterte Fantasy-Leserin, die auch gerne mal queerbeet liest | Studentin der Anglistik, Amerikanistik und Germanistik | bekloppter Sprachnerd, der zusätzlich noch Spanisch, Niederländisch und Russisch lernt | Serienjunkie, Geek (und manchmal Fan) Girl | Whovian | Chaotin | BookCrosserin | Bloggerin seit ca. 2005 und seit 2010 konstant auf Anima Libri - Buchseele

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