Rezension zu Die dunklen Gassen des Himmels von Tad Williams

Ich mag den deutschen Titel nicht. Ich finde ihn, vor allem im Vergleich zum Originaltitel, an den er ja eideutig angelehnt ist, absolut unpassend. Im Original heißt das neue Buch von Kult-Autor Tad Williams „The Dirty Streets of Heaven“, also „Die schmutzigen Straßen des Himmels“, und während ich bei diesem Titel gleich eine, wie sich im nachhinein herausstellte, ziemlich passende Vorstellung vom Inhalt des Buchs im Kopf hatte, muss ich bei „Die dunklen Gassen des Himmels“ immer an irgendeine Art romantischverklärter Gothic-Novelle denken. Zugegeben, das Cover der deutschen Ausgabe widerlegt diesen Eindruck dann doch und passt eigentlich sehr gut zum Inhalt, aber der Titel stört mich trotzdem… :/

„Die dunklen Gassen des Himmels“ ist völlig und absolut anders als Tad Williams bisherige Bücher. Es ist ebenso großartig wie z.B. seine Saga der großen Schwerter, Blumenkrieg oder anscheinend ja auch Otherland, das ich allerdings nie gelesen habe, da mir das Hörspiel dazu die Lust am Buch versaut hat. So oder so, auch Williams‘ neustes Werk ist fantastisch, aber es ist eben auch anders. Das fängt damit an, dass es sich hier erstmal um ein ganz anderes Genre handelt, denn die Geschichte um Bobby Dollar ist weder High Fantasy noch Science Fiction sondern Urban Fantasy.

Und der Ton ist ein deutlich anderer als in anderen Werken des Autors: Das Buch ist düster und voller Sarkasmus und schwarzem Humor, die Stimme des Erzählers, Engel Bobby Dollar, wirkt gröber und kantiger, ist aber dabei nicht etwa stumpf oder simpel sondern voller feiner Spitzen und Nuance und mit jeder Menge bissigem Humor. Etwas, was haargenau meinen Geschmack getroffen hat, weshalb mich das Buch auch mehr als einmal zum Lachen gebracht und vor allem von der ersten Seite an gefesselt hat.

Dabei ist der Einstieg in die Geschichte für mich nicht unbedingt der einfachste gewesen. Das lag allerdings hauptsächlich an meiner totalen Unfähigkeit mir Namen zu merken – und da die Figuren, bzw. die Engel und Dämonen, hier zumeist auch noch mit mehreren Namen daher kommen, war ich anfangs doch ziemlich verwirrt und habe eine ganze Weile gebraucht, um die einzelnen Figuren auseinander zu klamüsern.

Das hat mich allerdings nicht davon abhalten können, die Charaktere von anfang an als sehr, sehr gelungen zu empfinden. Protagonist Bobby Dollar war mir von Anfang an sympathsich, nicht nur wegen seiner Art und seines Humors, sondern auch weil der Autor ihn hier geradezu greifbar werden lässt und man sich als Leser hervorragend von ihm durch die Geschichte führen lassen kann – auch wenn er zugegebenermaßen stellenweise doch etwas zu gedanklichen Ausschweifungen neigt, aber eigentlich macht ihn das nur noch sympathischer. Auch die anderen Figuren, ganz egal ob Mensch, Dämon oder Engel, haben mich allesamt mit ihrem Detailreichtum und der realitätsnahen Umsetzung überzeugen können.

Schreib- und Erzählstil des Buchs haben mir, wie ja bereits gesagt, ebenfalls sehr gut gefallen. Auch wenn Ich-Erzähler Bobby gerne einmal etwas vom Thema abschweift, ist das Tempo in „Die dunklen Gassen des Himmels“ schnell und die Geschichte actionreich und voller spannender Handlung, was das Buch zu einem fesselnden Lesevergnügen macht. Die Geschichte ist nicht nur vom Humor her düster sondern hat generell einen eher düsteren, generell ziemlich skurrilen und teils auch ein wenig markaberen Unterton.

Was mir außerdem ausgesprochen positiv aufgefallen ist, war Williams‘ Umgang mit der „Himmel und Hölle“ Thematik. Eigentlich war nämlich genau das zu Beginn der Grund, warum ich dem Buch gegenüber doch eher skeptisch war, denn solche Themen werden für meinen Geschmack viel zu schnell religiös und religöse Thematiken wirken viel zu schnell predigend und damit kann ich nun wirklich gar nichts anfangen. Williams hält seine Beschreibungen hier in vielen Bereichen bewusst wage, legt sich nicht auf eine vorgefertigte Meinung zu Religion, etc. fest und lässt dadurch viele Interpretationsmöglichkeiten offen. Dabei schafft es der Autor aber trotzdem die Szenerie seiner Geschichte real und nicht etwa schwammig oder skizzenhaft wirken zu lassen, womit ich wirklich positiv überrascht wurde.

Alles in allem ist „Die dunklen Gassen des Himmels“ trotz des grauenvollen Titels ein absolut grandioses Buch, das ich allen Fans von düster-humorvoller Urban Fantasy nur wärmstens empfehlen kann und das sich definitiv ganz weit oben auf meine Favoritenliste geschlichen hat.

Veröffentlicht von Rike

20something | bibliomanisches Bücherfresserchen, Leseratte, Bibliophile | begeisterte Fantasy-Leserin, die auch gerne mal queerbeet liest | Studentin der Anglistik, Amerikanistik und Germanistik | bekloppter Sprachnerd, der zusätzlich noch Spanisch, Niederländisch und Russisch lernt | Serienjunkie, Geek (und manchmal Fan) Girl | Whovian | Chaotin | BookCrosserin | Bloggerin seit ca. 2005 und seit 2010 konstant auf Anima Libri - Buchseele

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3 Kommentare zu “Rezension zu Die dunklen Gassen des Himmels von Tad Williams”

  1. Bin auch gerade mitten im Buch mit Bobby Dollar – habe aber deine ausführliche Kritik noch nicht durchgelesen, da ich Angst vor Spoilern habe. Bis jetzt ist das Buch ja so ganz anders als der Rest von Tad Williams. Bin mal gespannt, ob es mir genau so gut gefällt, wo ich doch eher der High Fantasy Fan bin.

    1. Ich glaube, die Rezi ist absolut Spoiler-frei, zumindest habe ich mir sehr, sehr große Mühe gegeben, nicht weiter auf die Details der Handlung einzugehen 😉
      Ich bin aber auf jeden Fall gespannt darauf, wie dir das Buch wohl gefallen wird und würde mich über eine kurze Rückmeldung freuen 🙂

  2. Ich habe schon so einiges positives zu diesem Absicht gehört und deine Rezi bestärkt mich auf jeden Fall in der Überlegung, es mir bei Gelegenheit mal anzuschaffen – vielen Dank 🙂

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