Rezension zu Angelfall: Fürchtet euch nicht von Susan Ee

Ich muss zugeben, dass mir Penryns Name ja doch irgendwie furchtbar auf den Geist geht. Ich weiß auch nicht genau wieso, aber ich mag ihn nicht und bin immer wieder an dem Namen hängen geblieben und darüber gestolpert, was während des Lesens auf Dauer sehr anstrengend war.

Dummerweise wurde das auch nicht durch Penryns Charakter ausgeglichen. Die 17-Jährige ist, erzwungener Maßen, eine starke, selbstständige junge Frau, muss sie sich doch schon seit Jahren um die an den Rollstuhl gefesselte jüngere Schwester und die an paranoider Schizophrenie leidende Mutter kümmern. Das hat zwar zur Folge, dass sie erfreulicherweise bereits zu Beginn der Geschichte bis zu einem gewissen Maß abgehärtet ist und nicht ständig jammert, und ihre toughen Charakterzüge haben auch alle einen durchaus nachvollziehbaren Ursprung und Hintergrund, aber ich konnte einfach nicht wirklich viel mit ihr anfangen. Ich fand sie erfrischend und für die Geschichte von „Angelfall“ auch sehr passend und einmal nicht ganz so klischeehaft, wie die meisten YA-Heldinnen, aber es war die ganze Zeit eine gewisse Distanz da, die mich daran gehindert hat, mich beim Lesen vollends auf sie und damit auch auf ihre Geschichte einzulassen.

Dafür hat mir allerdings die Figur von Penryns Mutter sehr gut gefallen. Letztere ist einmal nicht die ängstlich-fürsorgliche Übermutter, die vielen YA-Heldinnen zur Seite gestellt werden, sondern psychisch krank – und zwar richtig. Und genau das ist mir doch sehr positiv aufgefallen, denn die Autorin verschönt hier nichts und stellt die Krankheit der Mutter in all ihrer Schrecklichkeit dar – ein Aspekt, der die Geschichte direkt viel eindringlicher und düsterer wirken lässt und zumindest bei mir dafür gesorgt hat, dass ich der Autorin auch die ganze „Engel-Apokalypse“-Geschichte sehr viel bereitwilliger abgenommen habe – weil man hier einfach merkt, dass Susan Ee nicht zu Gunsten einer empfindsamen, naiv-unschuldigen Leserschaft auf die bitteren und harten Seiten des Lebens verzichtet bzw. diese nur in lächerlich abgeschwächter Version darstellt, wie es für meinen Geschmack gerade in amerikanischen Urban-Fantasy-Jugendbüchern doch viel zu oft geschieht.

Ebenfalls positiv aufgefallen ist mir Raffe, der Engel, den Penryn kurz entschlossen rettet, damit er ihr hilft, ihre entführte kleine Schwester zurück zu holen. Ja, so ganz ohne Klischees kommt er als düsterer, eigenbrödlischer Typ mit dunklen Geheimnissen dann auch nicht aus, aber ich mochte ihn. Er ist ein Mysterium und zwar eins, bei dem man als Leser wirklich gespannt ist, was sich wohl hinter der Fassade verbirgt und bei dem die „Lösung“ auch nicht von der ersten Szene an völlig vorhersehbar ist – vieles bleibt auch mit Ende des ersten Bands noch im Dunkeln.

Damit verbunden ist auch die, natürlich vorhandene, Liebesgeschichte, die von der Autorin aber ebenfalls sehr gut umgesetzt wurde. Zum einen spielen die Gefühle zwischen Penryn und Raffe erstmal nicht die Hauptrolle, hat Penryn doch eindeutig wichtigers zu tun – sie muss schließlich ihre Schwester retten und schmeißt das glücklicherweise auch nicht für den erstbesten Typen über den Haufen. Und zum anderen entwickeln sich eben diese Gefühle nur sehr, sehr langsam, sodass man sie den Beteiligten tatsächlich abkauft – immerhin haben die Engel gerade erst Penryns Welt zerstört, da wäre es kaum glaubwürdig, wenn sie sich – Insta-Love lässt grüßen – sofort in den erstbesten gefiederten Typen verliebt.

Aber auch sonst ist dieses Buch wirklich gut. So besticht auch die Welt, die die Autorin geschaffen hat, durch ihren Facettenreichtum die Glaubhaftigkeit, die ihr Susann Ee verliehen hat. Die Welt, in der Penryn lebt, ist düster und erschreckend und genau so wird sie hier auch dargestellt. Dabei entsteht eine grandiose Spannung, die sich zum Ende hin immer weiter steigert – genau wie die „Härte“ der Geschichte, denn auch wenn das Ganze noch relativ harmlos anfängt, schreckt die Autorin auch im Zusammenhang mit der Welt, die sie geschaffen hat, nicht davor zurück auch die dunkelsten und brutalsten Elemente dieser fiktiven Realität darzustellen – wodurch die Geschichte zum Ende hin doch teilweise geradezu Horror-Züge annimmt, was ich allerdings sehr passend fand.

Und da Susan Ee hier wirklich eine durch und durch faszinierende Welt geschaffen hat und die Rettungsmission, auf die sich Penryn und Raffe begeben, sich perfekt in diese Welt einfügt, wodurch das Ganze eine wahnsinnige Spannung entwickelt, hat mich die Geschichte dann trotz meiner Schwierigkeiten mit Penryn und ihrem unmöglichen Namen alles in allem wirklich begeistert. Nur für schwache Nerven ist diese Geschichte nichts, denn „Fürchtet euch nicht“ trifft auf Ees Engel eindeutig nicht zu.

Veröffentlicht von Rike

20something | bibliomanisches Bücherfresserchen, Leseratte, Bibliophile | begeisterte Fantasy-Leserin, die auch gerne mal queerbeet liest | Studentin der Anglistik, Amerikanistik und Germanistik | bekloppter Sprachnerd, der zusätzlich noch Spanisch, Niederländisch und Russisch lernt | Serienjunkie, Geek (und manchmal Fan) Girl | Whovian | Chaotin | BookCrosserin | Bloggerin seit ca. 2005 und seit 2010 konstant auf Anima Libri - Buchseele

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