Rezension zu Ganze Tage im Café von Sólveig Jónsdóttir

Folgender Text findet sich auf dem Buchrücken:

Ein Café im coolen Stadtteil 101 Reykjavik, Treffpunkt für vier junge Frauen. So manches ist schiefgelaufen. Das Leben ein Drama. Die Männer eine Katastrophe. Auf den Herzschmerz aber folgt die Einsicht, dass es Wichtigeres gibt als den Traum von der großen Liebe.

Scharfsinnig, witzig, clever – der rasante Roman der isländischen Bestsellerautorin Sólveig Jónsdóttir.

Also erstmal sind sowohl Inhaltsangabe wie der Text auf dem Buchrücken wirklich irreführend und ich bin froh, dass ich sie mir vorher gar nicht so genau durchgelesen habe. Denn geht man von diesen Texten aus, klingt Sólveig Jónsdóttirs Roman „Ganze Tage im Café“ wie eine isländische Version von „Sex and the City“ – vier Freundinnen, die in locker-leichter Art über Mode und Männer und andere Katastrophen diskutieren. Dabei ist dieser Roman eigentlich ganz, ganz anders…

Im Zentrum der Geschichte stehen die vier jungen Isländerinnen Hervör, Mía, Silja und Karen – allerdings sind die vier keine guten Freundinnen, die sich regelmäßig auf einen Kaffee treffen. Ganz im Gegenteil, zu Beginn der Geschichte kennen sie einander nicht einmal und auch zum Ende des Romans hin, würden sie sich wohl auch kaum als etwas anderes als flüchtige Bekannte bezeichnen. Das ist es auch nicht vorauf der Roman abzielt oder was ihn besonders macht.

Viel mehr ist es die Art, auf die die Autorin nach und nach die Geschichten dieser vier Frauen so verknüpft, dass immer wieder Berührungspunkte entstehen, die mal kaum einen offensichtlichen Effekt haben und mal überaus einschneidende Erlebnisse darstellen – und natürlich gibt es auch sämtliche Zwischenstufen. Gemeinsame Bekannte, Zufallsbegegnungen und natürlich das namensgebende Café Viertel (im Original heißt der Roman übrigens “Korter”, isländisch für “Viertel”) sind die Schnittpunkte, die die Leben dieser so unterschiedlichen Frauen verbinden und die mich beim Lesen immer wieder begeistert haben.

Vor allem aber waren es die Charaktere, durch die “Ganze Tage im Café” für mich geglänzt hat. Denn Hervör und Co. wirken allesamt so erschreckend, nun ja, vielleicht nicht direkt normal, aber so realistisch, dass man keinerlei Probleme hat, sich vorzustellen, diesen Frauen tatsächlich irgendwann mal zufällig im Café, im Supermarkt oder in der Kneipe über den Weg zu laufen. Sie alle sind sehr viel tiefgründiger, als ich erwartet hätte, und mit jeder kann man sich auf Grund ihrer so ganz und gar menschlichen Probleme irgendwo identifizieren – was aber noch lange nicht bedeutet, dass ich sie alle vier sympathisch fand.

Hervör ist mit Abstand die sympathischste Figur gewesen. Mit ihr beginnt der Roman und an ihrer Seite habe ich mich auch direkt ins winterliche Reykjavik versetzt gefühlt. Zwar konnte ich ihre Beziehung zum viel älteren Tryggvi nicht nachvollziehen, aber trotzdem ist sie mir direkt sehr nahe gewesen und das hat sich auch im Laufe der Erzählung nicht geändert. Sie bringt sehr viel Witz in die Geschichte, sorgt aber gleichzeitig auch für einige der emotionalsten Szenen und legt im Laufe der Geschichte eine wirklich hervorragende Entwicklung hin.

Mía hingegen ist bis zum Schluss für mich die blasseste der vier Frauen geblieben. Das mag daran liegen, dass sie nur zwei Mal als Erzählerin zu Wort kommt und das auch in eher kürzeren Abschnitten, aber auch wenn sie ebenfalls eine Tiefe entwickelt, die ich so nicht erwartet hätte, blieb sie für mich trotzdem erstaunlich schemenhaft und war mir zwischenzeitlich auch recht unsympathisch – nicht zu letzt, weil sie eine der Figuren ist, die immer wieder quasi daueralkoholisiert sind.

Silja war zu Beginn für mich die Sympathischste der vier Frauen, ihre Entwicklung hat mich jedoch am wenigsten begeistern können, sodass sie mir zum Schluss sogar regelrecht unsympathisch war. Auch sie hat nur zwei Erzählabschnitte bekommen, gerade der zweite ist aber relativ lang, weshalb sie im Vergleich zu Mía deutlich mehr Form hatte, die mir aber im Verlauf der Geschichte immer und immer weniger zugesagt hat. Ich konnte ihre Reaktionen und Aktionen immer bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen, fand sie aber oftmals sehr überzogen.

Karen war für mich das genau Gegenteil. Genau wie Hervör hat sie drei Erzählabschnitte, sodass sie etwas präsenter ist als Silja oder Mía, über lange Strecken fand ich sie jedoch hauptsächlich nervig in ihrer Art, sich ständig zu betrinken und mit ihren für mich nur teilweise nachvollziehbaren psychischen Problemen. Sie ist aber gleichzeitig auch die Figur, die die erstaunlichste – und trotzdem immer voll und ganz realistische – Entwicklung durch macht und mich dadurch zum Ende hin am meisten mitreißen konnte.

Auch die Nebenfiguren haben mich allein durch ihre Vielfalt immer wieder begeistern können und Sólveig Jónsdóttir hat es hier wirklich hervorragend geschafft, die unterschiedlichsten Typen Mensch auf amüsant und erschreckend realistische Art einzufangen, auch wenn sie natürlich sehr viel weniger Tiefe besitzen, als die vier Frauen im Zentrum von “Ganze Tage im Café” – was aber nicht viel zu heißen hat, da diese wirklich ausgesprochen vielschichtig und facettenreich sind.

Übrigens weißt die Handlung gerade zu Beginn doch einige Parallelen auf – Frau wird verlassen/betrogen/ersetzt und ist am Boden zerstört, trifft aber bald vielversprechenden, gut aussehenden neuen Kerl – gerade hier fand ich es jedoch sehr spannend im Laufe der Geschichte zu sehen, wie unterschiedlich sich das bei den einzelnen Figuren entwickelt hat. So stolpert man zwar gerade zu Beginn der Geschichte immer wieder über diverse Klischees, ich fand aber gerade die individuelle Entwicklung von diesem Ausgangspunkt her sehr gelungen.

Etwas Probleme hatte ich zu Beginn mit dem Schreibstil der Autorin, der jedoch nach kurzer Eingewöhnung sehr gut und flüssig zu lesen ist und für mich vor allem durch immer wieder sehr ungewöhnliche, dabei aber umso gelungenere Vergleiche und Metaphern geglänzt hat. Mehr Probleme haben mir da schon die ganzen isländischen Namen bereitet, die mich immer wieder ins Stocken gebracht haben und bei denen ich teilweise doch etwas Schwierigkeiten hatte, sie mir zu merken und sie den Figuren zuordnen zu können. Die Tatsache, dass sich alle Menschen in Island offenbar aus Prinzip schon Duzen und mit Vornamen anreden, hat auch gerade bei Arztszenen oder ähnlichem erstmal für etwas Verwirrung meinerseits gesorgt.

Trotzdem, auch wenn ich nicht alle Figuren sympathisch fand und die Geschichte – nicht zuletzt dadurch – zwischenzeitlich auch immer wieder die eine oder andere Länge hatte -, alles in allem ist Sólveig Jónsdóttirs Roman „Ganze Tage im Café“ für mich eine wirklich positive Überraschung gewesen, sehr viel tiefsinniger, emotionaler und ernster (auch Themen wie Tod und psychische Probleme spielen eine wichtige Rolle) als erwartet, trotzdem aber auch immer wieder witzig und unterhaltsam. Von meiner Seite daher definitiv eine Empfehlung, auch wenn man Englisch können sollte, denn es gibt einen Engländer, dessen Dialoge nicht übersetzt wurden (was ich sehr authentisch und gut fand, für jemanden, der des Englischen nicht mächtig ist, jedoch wohl sehr störend sein wird).

Veröffentlicht von Rike

20something | bibliomanisches Bücherfresserchen, Leseratte, Bibliophile | begeisterte Fantasy-Leserin, die auch gerne mal queerbeet liest | Studentin der Anglistik, Amerikanistik und Germanistik | bekloppter Sprachnerd, der zusätzlich noch Spanisch, Niederländisch und Russisch lernt | Serienjunkie, Geek (und manchmal Fan) Girl | Whovian | Chaotin | BookCrosserin | Bloggerin seit ca. 2005 und seit 2010 konstant auf Anima Libri - Buchseele

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1 Kommentare zu “Rezension zu Ganze Tage im Café von Sólveig Jónsdóttir”

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