Rezension zu Vor dem Fest von Saša Stanišić

Die Uckermark! Erst vor ein paar Wochen bin ich auf der Fahrt von Berlin nach Danzig mit der Familie dort gestrandet, weil mein Vater unbedingt noch eine Tankstelle vor der polnischen Grenze finden wollte. Das Fazit dieses Zwischenstopp, bei dem wir es tatsächlich geschafft haben, die Kreuzung an der Autobahnabfahrt in jeder Richtung wenigstens einmal entlang zu fahren, bevor wir die scheinbar einzige Tankstelle in der gesamten Region gefunden haben, war dann im Grunde genommen, dass die Uckermark quasi nichts als leere Landschaft ist.

360° Panorama der Uckermark © Hannah Rautenberg
360° Panorama der Uckermark © Hannah Rautenberg

Und ganz ehrlich? Saša Stanišićs preisgekrönter Roman „Vor dem Fest“ vermittelt ein ganz ähnliches Bild. Durch eine kollektive Wir-Perspektive begleitet der Leser die Bewohner eines fiktiven uckermärkischen Dorfs durch einen relativ Zeitraum, vor und während des titelgebenden Annenfests, von dem allerdings keiner mehr so recht weiß, warum es eigentlich gefeiert wird. Gleichzeitig werden Realität und Gegenwart immer wieder durchdrungen von  In recht eigenwilligem Deutsch, mit einer Sprache, an die man sich erst einmal gewöhnen muss, erzählt der Autor eine Vielzahl verschiedener kleiner Geschichten, aus denen sich nach und nach das Bild des Dorfs herausschält.

Bis etwa zur Mitte des Roman geht das gut, ist sogar faszinierend und spannend, dann aber ist das Potential erschöpft, der Schreibstil wirkt nicht mehr innovativ und exotisch sondern ermüdend und der Handlung fehlt es einfach an einem echten roten Faden, die Skurrilität der Figuren allein reicht nicht mehr aus, um den Leser zu fesseln, man fragt sich, worauf das ganze hinausläuft, da die vielen einzelnen Geschichten nach und nach im Sande verlaufen, ohne dass sich ein übergeordneter, umfassender Handlungsstrang zu erkennen gibt.

Schade, aber wäre Saša Stanišićs Roman „Vor dem Fest“ nur halb solang gewesen, hätte er mir wohl deutlich besser gefallen, so aber lässt er in der zweiten Hälfte stark nach und das führt dazu, dass der Roman als Ganzes einfach nicht mehr richtig überzeugen kann. So wirklich nachvollziehen, warum dieses Buch preisgekrönt ist, kann ich daher nicht, auch wenn das Potential eindeutig erkennbar ist.

Veröffentlicht von Rike

20something | bibliomanisches Bücherfresserchen, Leseratte, Bibliophile | begeisterte Fantasy-Leserin, die auch gerne mal queerbeet liest | Studentin der Anglistik, Amerikanistik und Germanistik | bekloppter Sprachnerd, der zusätzlich noch Spanisch, Niederländisch und Russisch lernt | Serienjunkie, Geek (und manchmal Fan) Girl | Whovian | Chaotin | BookCrosserin | Bloggerin seit ca. 2005 und seit 2010 konstant auf Anima Libri - Buchseele

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