[>1000 Worte] Rezension zu Faust: Der Tragödie erster Teil von Flix

Was passiert, wenn Gott und Teufel eine Wette abschließen? Chaos für die Sterblichen, an denen diese Wette ausgetestet werden soll, ist dabei jedenfalls garantiert, so auch im Fall von Flix‘ „Faust: Der Tragödie erster Teil“, in der das Leben des jungen Faust, seines Mitbewohners Wagner und der Angebeteten Margarethe für zwei Kisten Ramazotti auf den Kopf gestellt wird.

Heinrich Faust hat so ziemlich alles studiert, was man klassischerweise studieren kann: Philosophie, Jura, Medizin und Theologie. Seinen Lebensunterhalt verdient er nun aber als Taxifahrer in Berlin – und das eher schlecht als recht. Auch die jahrelange Freundschaft mit Mitbewohner Wagner ist den Bach runter gegangen, nachdem dieser beschlossen hat, dass „ein Leben ohne Pudel zwar möglich, aber sinnlos ist“ und Pudeldame Charlotte kurz drauf eine unglückliche Begegnung mit Fausts Taxi hatte.

Allerdings gibt es da dann ja noch diese Wette und Mephisto, der plötzlich vor Fausts Türe steht und ihm im Namen von Happy Life, der Coachingagentur für die Elite, das Angebot macht seinen größten Wunsch zu erfüllen – im Austausch dafür muss unser tragischer Held lediglich seine unsterbliche Seele hergeben. Da Faust aber nun mal nicht an das Leben nach dem Tod glaubt, ist ihm auch reichlich egal, was da mit seiner Seele geschieht und so nimmt er das Angebot natürlich an.

Kult-Comiczeichner Flix hat hier Johann Wolfgang von Goethes wohl bekanntestes Werk genommen und es mal eben so ins moderne Berlin verfrachtet. Dabei nimmt er gekonnt ein Klischee nach dem anderen auf die Schippe und packt seine Graphic Novel randvoll mit herrlich komischen Anspielungen auf Popkultur und Zeitgeschehen. Seite um Seite werden Faust und die Menschen um ihn herum von den Höheren Mächten wie Spielbälle von einer Katastrophe in die nächste geschubst:

Da nutzt Mephisto Allahs Servicehotline, um mit Margarethe in Kontakt zu treten – die ist hier nämlich Muslima, wird von ihrer Mutter Özlem genannt und arbeitet in deren türkischen Biosupermarkt. Gott kippt einen Ramazotti nach dem anderen – hat er doch Kreislauf – und greift auch mal zu unlauteren Mitteln, wenn er seinen Wettgewinn gefährdet sieht. Dabei entstehen die aberwitzigsten Situationen und als Leser kann man gar nicht anders, als mit Faust mitzuleiden und sich köstlich über das Gezanke von Gott und Mephisto zu amüsieren.

Alles in allem hat Flix mit seinem „Faust: Der Tragödie erster Teil“ eine großartige Modernisierung von Johann Wolfgang von Goethes Klassiker vorgenommen, der diesen natürlich nicht ersetzen kann – dazu ist die Geschichte dann doch entschieden zu anders -, aber mit ihrem großartigen Zeichenstil und dem zeitgenössischen Humor bietet die Graphic Novel eine tolle Möglichkeit den Zugang zum klassischen Material zu vereinfachen. Eine absolut gelungene Graphic Novel, die ich nur wärmstens empfehlen kann!

Veröffentlicht von Rike

20something | bibliomanisches Bücherfresserchen, Leseratte, Bibliophile | begeisterte Fantasy-Leserin, die auch gerne mal queerbeet liest | Studentin der Anglistik, Amerikanistik und Germanistik | bekloppter Sprachnerd, der zusätzlich noch Spanisch, Niederländisch und Russisch lernt | Serienjunkie, Geek (und manchmal Fan) Girl | Whovian | Chaotin | BookCrosserin | Bloggerin seit ca. 2005 und seit 2010 konstant auf Anima Libri - Buchseele

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