Rezension zu Die unendliche Geschichte von Michael Ende

Wer kennt sie nicht? Die Geschichte von Bastian Balthasar Bux, der eines Tages auf der Flucht vor fiesen Mitschülern in einem Antiquariat landet – und jedes Mal, wenn ich das Buch in die Hand nehme, sehe ich noch bevor ich den Buchdeckel aufschlage die spiegelverkehrte Inschrift auf der Tür dieses Antiquariat vor mir:

Ausschnitt der ersten Seite der Originalausgabe von 1979
Ausschnitt der ersten Seite der Originalausgabe von 1979

„Die unendliche Geschichte“ von Michael Ende ist definitiv ein Meisterwerk und moderner Klassiker der phantastischen Literatur und eins meiner absoluten Lieblingsbücher schlecht hin. 35 Jahre alt wird die Geschichte Phantásiens heute und da muss natürlich eine Rezension zum Buch her – vor allem, wo doch der Thienemann-Verlag so freundlich war mir ein Exemplar der Jubiläumsausgabe zur Verfügung zu stellen 😉

Das Leben des jungen Bastians ist nicht gerade das glücklichste. So hat er nicht nur seine Mutter verloren und einen Vater, der den Sohn seit dem Tod seiner Frau kaum noch wahrzunehmen scheint, auch seine Mitschüler machen ihm das Leben schwer, denn Bastian ist alles andere als sportlich und hat auch noch die entsprechende Figur, die das auf den ersten Blick deutlich macht, sodass er immer und immer wieder zum Opfer der Hänseleien seiner Mitschüler wird.

Eines Tages landet er auf der Flucht vor eben diesen Mitschülern im Antiquariat von Karl Konrad Koreander und stiehlt – völlig untypisch für den unsicheren, in sich gekehrten Jungen – eins von dessen Büchern – die unendliche Geschichte. Schnell merkt Bastian welche unglaubliche Möglichkeit sich ihm zwischen den Seiten dieses Buchs bietet: Flucht vor der Realität, Flucht in die Welt von Phantásien, die Welt der Kindlichen Kaiserin, von Grünhäuten, Glücksdrachen und allerlei anderer phantastischer Gestalten.

In Phantásien kann Bastian endlich zu dem Held werden, der er immer sein wollte – doch er merkt erst spät, welchen hohen Preis er dafür zahlen muss. Denn auch wenn ihm das AURYN, das magische Amulett der Kindlichen Kaiserin, große Macht verleihen kann, erkennt Bastian fast zu spät, dass die Inschrift auf dessen Rückseite, „Tu was du willst“, nicht bedeutet, dass er tun soll, wonach auch immer im gerade der Sinn steht – sondern das, wozu es ihn im Grunde seines Herzens drängt.

Das absolut faszinierende an Michael Endes Roman? Dass sich einem bei jedem Lesen wieder neue Feinheiten offenbaren, jedes Mal liegt der Fokus des persönlichen Leseerlebnisses auf einem anderen Aspekt dieser vielschichtigen, faszinierenden Geschichte und nie wird es dabei langweilig.

So war es früher vor allem das Abenteuer, die Flucht durchs Buch ins Reich der Phantasie, die mich so begeistert hat, die mich an Bastians Seite hat mitfiebern lassen, das Buch zu meiner ganz eigenen Reise nach Phantásien hat werden lassen. Mit jedem weiteren Lesen waren es immer wieder andere Dinge, die meine Aufmerksamkeit ganz besonders auf sich gezogen haben, so zum Beispiel Bastians plötzlicher „Machtwahn“ und dessen Folgen.

Und genau das ist es, was Michael Endes „Die unendliche Geschichte“ so besonders macht: Die Erzählung ist so vielschichtig, so fein und komplex, ohne dabei jemals unzugänglich oder verworren zu wirken, dass man in ihr immer Aspekte des eigenen Lebens, der eigenen aktuellen Situation wiederfinden kann, wenn man nur mit offenen Augen an die Geschichte dran geht.

Michael Ende hat mit Phantásien nicht nur eine unglaublich komplexe, faszinierende Welt geschaffen, sondern passend dazu diese auch mit den unterschiedlichsten Wesen gefüllt, die allesamt menschliche Aspekte widerspiegeln, auch wenn sie größtenteils alles andere als menschlich sind – zumindest in ihrer Gestalt. Überhaupt findet sich in „Die unendliche Geschichte“ eine wahre Flut von Ideen, Konzepten und Themen, die das Buch zu einem wahren Fühlhorn der Phantasie machen.

In meinen Augen ein ebenfalls sehr wichtiger Bestandteil des Buchs ist auch dessen Gestaltung von Roswitha Quadflieg: Sowohl der zweifarbige Textdruck in Rot und Grün (Komplementärfarben für die beiden Erzählstränge in unserer Welt und der Phantásiens um den Kontrast zwischen ihnen zu betonen) als auch die 26 Initialen von A bis Z zu Beginn der 26 Kapitel gehören für mich einfach dazu – Ein Glück also, dass sie in der Jubliäumsausgabe wieder enthalten sind, nachdem jahrelang nur Ausgaben mit abgespecktem Design zu haben waren. Ein paar Bilder von Original- und Jubiläumsausgabe gibt es hier:  35 Jahre “Die unendliche Geschichte” von Michael Ende

Alles in allem ist „Die unendliche Geschichte“ von Michael Ende vollkommen zu Recht ein moderner Klassiker und auch Jahre nachdem ich sie zum ersten Mal gelesen habe noch immer ein Buch, das ich gerne lese und das seine Aktualität nie verloren hat und wohl auch nie verlieren wird.

Weitere Infos zum 35. Jubiläum der unendlichen Geschichte und der Jubiläumsausgabe des Thienemann-Verlags findet ihr hier:
35 Jahre “Die unendliche Geschichte” von Michael Ende

Veröffentlicht von Rike

20something | bibliomanisches Bücherfresserchen, Leseratte, Bibliophile | begeisterte Fantasy-Leserin, die auch gerne mal queerbeet liest | Studentin der Anglistik, Amerikanistik und Germanistik | bekloppter Sprachnerd, der zusätzlich noch Spanisch, Niederländisch und Russisch lernt | Serienjunkie, Geek (und manchmal Fan) Girl | Whovian | Chaotin | BookCrosserin | Bloggerin seit ca. 2005 und seit 2010 konstant auf Anima Libri - Buchseele

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