Rezension zu Sommergeister von Mary Rickert

Nan lebt am Rande der Stadt, in einem alten Haus mit einem großen Schuhgarten, in dem sie allerlei Pflanzen heranzieht. Eines Nachts wird ein Baby auf ihrer Veranda zurückgelassen und Nan nimmt das kleine Mädchen bei sich auf und zieht es groß. Fünfzehn Jahre später wird Nan 79 und hat Angst, sich nicht mehr allein um Bay kümmern zu können, nicht zuletzt, weil der Sheriff anfängt Fragen zu stellen. Und dann ist da noch Bays Vegangenheit, von der das Mädchen nichts weiß, also ruft Nan kurzerhand zwei alte, entfremdete Freundinnen zur Hilfe.

Mary Rickerts „Sommergeister“ ist ein sehr ruhiger Roman, der ohne große Action auskommt und dafür eine ordentliche Portion magischen Realismus enthält – kann man „magical realism“ einfach so ins Deutsche übersetzen? 😀 Jedenfalls, finde ich die Inhaltsangabe des Verlags etwas irreführend, denn eigentlich wird hier weniger Bays Geschichte erzählt, als die einer Freundschaft, die nach vielen Jahren wieder zum Leben erweckt wird, was viel Reue, Schmerz und Vergebung beinhaltet. Wobei, zugegeben, Bay ist Dreh- und Angelpunkt der Geschichte dieser Freundschaft.

Das war auch ehrlich gesagt der Punkt, der mich etwas gestört hat, denn anscheinend hat das Leben der Seniorinnen nichts bewegt, was nicht in den letzten fünfzehn Jahren geschehen ist und das wirkte irgendwie falsch. Meiner Meinung nach wurde den Charakteren dadurch viel von ihrem Potential genommen, sie haben deutlich weniger Tiefe als sie hätten entwickeln können (Konjunktive sind ja sowas tolles). Schade, aber in Kombination mit dem irgendwie hölzernen Schreibstil ist das nicht direkt fesselnd.

Einen großen Pluspunkt hat die Geschichte allerdings und das ist der magische Realismus, der hier wirklich großartig umgesetzt ist. Die Autorin versteht es, die ganzen magisch-seltsamen Kleinigkeiten, die sich durch die Geschichte ziehen, real erscheinen zu lassen. Das gibt dem gesamten Roman eine mystische Atmosphäre, die genau meinen Geschmack getroffen hat und den hölzernen Stil wieder etwas wettgemacht.

Alles in allem ist „Sommergeister“ von Mary Rickert ein nicht unbedingt schön geschriebener, aber trotzdem bezaubernder Roman mit einigen tollen Elementen von magischem Realismus, die mich über den Schreibstil und die etwas beschränkten Charaktere hinweg getröstet haben. Für Fans von magischem Realismus definitiv einen Versuch wert!

Veröffentlicht von Rike (Filia Libri)

20something | bibliomanisches Bücherfresserchen, Leseratte, Bibliophile | begeisterte Fantasy-Leserin, die auch gerne mal queerbeet liest | Studentin der Anglistik, Amerikanistik und Germanistik | bekloppter Sprachnerd, der zusätzlich noch Spanisch, Niederländisch und Russisch lernt | Serienjunkie, Geek (und manchmal Fan) Girl | Whovian | Chaotin | BookCrosserin | Bloggerin seit ca. 2005 und seit 2010 konstant auf Anima Libri - Buchseele

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