Rezension zu Die Erben der alten Zeit: Das Amulett von Marita Sydow Hamann

Als ich das erste Mal etwas von dieser Verlags-Printausgabe eines erfolgreichen Indie-E-Books mitbekommen habe, war meine Neugier schnell geweckt. Denn eigentlich entdecke ich ja gerne neue Autoren, nur habe ich mit Indie-Publishern bisher erschreckend viele negative Erfahrungen gemacht, gerade was die Qualität des Lektorats angeht, das oftmals eben gar nicht vorhanden ist. Und gerade diese Gefahr ist natürlich nicht mehr vorhanden, wenn sich ein Verlag wie Grassroots Edition solchen erfolgreichen Indie-Veröffentlichungen annimmt.

Entsprechend hoch waren dann auch meine Erwartungen zu „Das Amulett“ und erfreulicherweise wurden sie auch nicht enttäuscht. Denn Marita Sydow Hamanns Trilogie-Auftakt ist ein wirklich außergewöhnliches Buch, das mit einer spannenden Grundidee und einem wirklich interessanten Stilmix überzeugt.

Ausgangspunkt der Geschichte ist die 13-jährige Charlie, ein Findelkind, das nach dem Tod ihrer ersten Pflegeeltern von einer Familie und einem Kinderheim zum nächsten weitergereicht wurde und jetzt die Nase voll hat. Also bricht sie in das Büro ihrer Sozialarbeiterin ein und macht sich dann auf den Weg nach Norden. In der Akte, die sie geklaut hat, befindet sich nicht nur ein ihr bislang unbekannter Bericht über ihre seltsame Auffindung, sondern auch ein Amulett. Mit dem Amulett um den Hals gerät Charlie mitten im Wald plötzlich in einen dichten Nebel – Und findet sich dann plötzlich in einer anderen Welt wieder.

Und diese Welt hat es wirklich in sich. Die Autorin nimmt hier bekannte Elemente, vorrangig – entsprechend ihrer skandinavischen Herkunft – aus der nordischen Mythologie, aber auch Wesen aus anderen Mythologien tauchen hier auf, und „verdreht“ sie auf wirklich spannende Art und Weise. Dadurch wird aus eigentlich altbekannten Elementen etwas ganz Neues und Spannendes, etwas, was ich generell nicht nur sehr bewunderswert finde, sondern vor allem auch sehr, sehr reizvoll, denn es ist immer wieder faszinierend zu lesen, was manche Autoren aus solchen schon vielfach verwendeten Elementen erschaffen, ohne dass man dabei das Gefühl hat, man hätte das schon einmal irgendwo gelesen.

Dazu kommen natürlich noch die Charaktere, die mich ebenfalls wirklich begeistert haben. Da gibt es zu aller erst einmal Charlie. Die ist zu Beginn des Buchs 14 und verhält sich diesem Alter entsprechend. Sie hat ihren eigenen Kopf und auch den Willen ihn durchzusetzen. Ich fand sie von Anfang an sehr sympathisch und das verstärkt sich nur noch durch die sehr überzeugenden Entwicklungen, die sie im Laufe der Geschichte durch macht, auch wenn ich stellenweise das Gefühl hatte, dass sie etwas zu schnell mit allem klar kommt. Dazu kommen vor allem noch Charlies Weggefährten, die sie in Godheim findet. Sie alle fand ich sehr realistisch und facettenreich, auch wenn sie sich im Laufe der Geschichte erst noch etwas „entfalten“ mussten, aber das hat, meiner Ansicht nach, sehr gut gepasst.

Außerdem gibt es noch Sora. Und die hat mich erstmal so richtig durcheinander gebracht, denn bis ich sie einordnen konnte, sind doch ein paar Kapitel vergangen und ich muss zugeben, dass ich, eventuell auch durch die Fremdartigkeit, die ihre Welt im Vergleich zum „normalen“ Südschweden, in dem Charlies Reise startet, und auch im Vergleich zu Godheim, das einem eben doch irgendwie bekannt vorkommt auch wenn es nicht so ist, wie gedacht, auszeichnet, anfangs wirkliche Probleme damit hatte, mich irgendwie mit ihr zu identifizieren, auch wenn sie mir, zumindest altersmäßig, eigentlich sehr viel näher wäre als Charlie. Ich habe sowohl mit ihr als auch mit Euripides, der Welt, in der sie sich aufhält, anfangs sehr stark gefremdelt, nach einer Weile der Eingewöhnung – mythologische Fantasy und Science Fiction ist halt auch eine schräge Mischung – hat sie mir aber immer besser gefallen und im Endeffekt hat dieser Part definitiv einen großen Teil zu dem beigetragen, was dieses Buch so außergewöhnlich macht.

Die Mischung macht es eben und in diesem Fall ist das halt die Mischung aus Fantasy, Mytholgie und Science Fiction, wobei jeder Teil die passenden, wirklich sehr gut eingepassten und individuellen, Charaktere hat. Bis ich die Verbindung zwischen den einzelnen Teilen wirklich so ganz durchschaut habe, hat es übrigens verdammt lange gedauert, was ich allerdings als sehr positiv empfunden habe, denn das zeigt nur noch einmal, dass die Autorin es wirklich verstanden hat eine Geschichte voller Überraschungen zu erschaffen.

Wie man eigentlich schon am Alter der Protagonistin Charlie erkennt, richtet sich „Das Amulett“ zwar nicht unbedingt vorrangig aber eben auch an jüngere Leser, sodass die Geschichte hier, verständlicherweise, nicht immer so komplex ist, wie sie möglicherweise sein könnte bzw. es einige „leichtere“ Stellen gibt. Für manche mag das ein Nachteil sein, aber ich fand es nicht weiter schlimm, denn die Geschichte ist so schon wirklich komplex und so war der Einstieg wenigstens etwas erleichtert bzw. es gibt noch Entwicklungspotential für die Folgebände. Außerdem bemerkt man schon im Verlauf des Buchs eine deutliche Reifung der Charaktere und damit verbunden auch der Geschichte, was für die kommenden Bände natürlich auf Großes hoffen lässt.

Alles in allem hat es mir wahnsinnigen Spaß gemacht „Das Amulett“ zu lesen und ich kann nur hoffen, dass es nun möglichst bald auch den zweiten Band „Der Thul – Bewahrer von Überlieferungen“ wieder gibt, denn ich möchte unbedingt wissen, wie die Geschichte weitergeht. Ein innovativer, spannender und fesselnder All-Age Fantasy Spaß von einer überaus sympathischen Autorin. Auf jeden Fall eine dicke Empfehlung an alle Fans solcher Geschichten 😉

Veröffentlicht von Rike

20something | bibliomanisches Bücherfresserchen, Leseratte, Bibliophile | begeisterte Fantasy-Leserin, die auch gerne mal queerbeet liest | Studentin der Anglistik, Amerikanistik und Germanistik | bekloppter Sprachnerd, der zusätzlich noch Spanisch, Niederländisch und Russisch lernt | Serienjunkie, Geek (und manchmal Fan) Girl | Whovian | Chaotin | BookCrosserin | Bloggerin seit ca. 2005 und seit 2010 konstant auf Anima Libri - Buchseele

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