Rezension zu Der Schlüsselträger und die grauen Könige von Marco Kunst

Marco Kunst - Der Schlüsselträger und die grauen KönigeLovelyBooks - In dein Regal stellenMarco Kunst – Der Schlüsselträger und die grauen Könige
 
Originaltitel: De Sleuteldrager
Verlag: Gerstenberg Verlag
Format: Gebunden
Seiten: 224
ISBN: 978-3836957342
 
 
[mygenres]  
 
 

Tief im Wald lebt Timeo mit seinem Vater, fern von der Welt. Eines Tages beobachtet Timeo, wie eine Pflanze vor seinen Augen wächst, in Sekundenschnelle. Erschrocken kann er nur zusehen, wie die Pflanze einen schlafenden Wanderer umrankt und dieser auf einmal wie tot daliegt – grau, scheinbar zu Stein geworden. Timeos Vater weiß sofort, was geschehen ist: Der Gräuel ist erwacht! Die unheimliche Pflanze versteinert jeden, den sie berührt, und sie droht, die Stadt Myr und mehr noch das Königreich zu vernichten. Wenn der Gräuel erwacht, so sagen die alten Geschichten, muss ein neuer grauer König seine Seele dem Gräuel opfern und ihm so ein Ende setzen. Doch was ist, wenn die alten Geschichten lügen? Wenn es einen anderen Weg gibt, um dem Gräuel ein Ende zu bereiten, ohne Seelenopfer? Und wenn niemand anderer als Timeo derjenige ist, der Myr von dem Unheil befreien kann?

 
 
Meinung:
 
Diesaes Buch ist wirklich zauberhaft und erzählt meiner Meinung nach eine wunderschöne und außerdem auch sehr innovative Geschichte, die ans klassische Märchen erinnert und mich schon nach wenigen Seiten in ihren Bann gezogen hat.

Das lag einerseits an dem Schreibstil des Autors, der mir sehr gut gefallen hat, auch wenn – oder gerade weil – er recht ungewöhnlich war und es ein paar Seiten gedauert hat, bis ich mich an ihn gewöhnt hatte. Durch diesen Schreibstil (der für mich irgendwie „typisch niederländisch“ ist, weil er mich doch sehr an den Stil anderer niederländischer Autoren erinnert hat) wird die Geschichte umso lebendiger und fesselnder und fließt nur so dahin.

Leider wird eben dieser Lesefluss gerade zum Ende des Buchs hin immer wieder durch ein beim besten Willen nicht befriedigendes Lektorat und möglicherweise auch eine nachlassende Übersetzung gestoppt, denn ab einem gewissen Punkt bin ich mehrfach über fehlende Worte und eindeutige Grammatikfehler gestolpert. Das soll nicht heißen, dass das Buch vor Fehlern strotzen würde, beim besten Willen nicht, ich habe schon Bücher mit deutlich mehr Fehlern gelesen, nur ist es mir hier irgendwie besonders aufgefallen, da es gerade die Sprache war, die mich anfangs so sehr verzaubert hat.

Andererseits waren es aber auch vor allem die Charaktere, die mich an diesem Buch so begeistert haben. Die beiden 13-Jährigen, die im Zentrum der Geschichte stehen, könnten unterschiedlicher nicht sein was ihre Hintergründe angeht. Auf der einen Seite ist das Timeo, Sohn des Schlüsselträgers, der tief im Wald, weitab von der Gesellschaft und allein mit seinem Vater aufgewachsen ist. Die junge Manou hingegen ist inmitten der Stadt im Herzens des Königreichs Myr aufgewachsen, umgeben von all den Liedern, Sagen und Erzählungen, die in so einer Stadt eben herumschwirren. Und in diesen Geschichten geht es hauptsächlich um das Gräul, ein Übel, das das Königreich alle paar Jahrzehnte erneut heimsucht.

Und natürlich geht es in diesem Buch genau daraum: Um das Gräul und die grauen Könige. Denn immer wenn Myr vom Gräul heimgesucht wird – das Gräul verwandelt übrigens Menschen in Stein, sodass überall lebensechte Statuen herumstehen -, muss der alte König sein Leben opfern, damit ein neuer König den Thron besteigen kann und in einem Ritual, bei dem er seine Seele und seine Sterblichkeit opfert und so zum grauen König wird, das Gräul beschwichtigen, sodass es sich wieder für einige Jahrzehnte zurückzieht.

Und natürlich ist es ausgerechnet Timeo, der über die ersten Anzeichen dafür stolpert, dass das Gräul zurück ist: Auf einem seiner Streifzüge durch den Wald findet er einen Mann unter der alten Eiche, von dem er denkt, er würde lediglich schlafen – denn von dem Gräul hat er noch nie zuvor gehört. Erst als er auf die auf der Suche nach ihrem Vater durch den Wald irrende Manou trifft, wird den beiden klar, was Manous Vater – denn wer sonst sollte der Mann, den Timeo gefunden hat, sein? – tatsächlich passiert ist: Er wurde zum ersten Opfer des neuen Gräuls, das sich nun rasend schnell über ganz Myr ausbreiten wird.

So erfährt Timeo erstmals von den Legenden, die man sich seit Generationen in Myr erzählt – und von der Rolle des Schlüsselträgers. Für Timeo und Manou beginnt das größte Abenteuer ihres Lebens und in einem atemlosen Wettlauf gegen die Zeit und gegen das Gräul stoßen die beiden auf unfassbare Geheimnisse, die alls auf den Kopf stellen, was sie über die Geschichte des Königsreichs wissen und offenbart, das in den meisten Liedern und Märchen irgendwo ein Funken Wahrheit steckt.

Die Geschichte hat mir wirklich gut gefallen, der Autor schafft hier eine sehr interessante Balance zwischen schnörkelloser, gradliniger Erzählung und komplexen, vielschichtigen Märchen voller Überraschungen und Wendungen, die durch den passenden Schreibstil des Autors noch dazu gewinnt und die Geschichte wirklich spannend und fesselnd macht.

Alles in allem hat mir Marco Kunsts Roman „Der Schlüsselträger und die grauen Könige“, einmal abegesehen von der leider nicht immer so ganz überzeugenden Textqualität, ausgesprochen gut gefallen und ist eindeutig eine Empfehlung wert.
 
 


 
 
Mit herzlichem Dank an den Gerstenberg Verlag, der so freundlich war, mir dieses Rezensionsexemplar zur Verfügung zu stellen
VERLAG
 
 
=

 
 
Der Autor
 
Marco Kunst, geb. 1966, lebt in Amsterdam. Nach seinem Philosophiestudium arbeitet er als Privatdozent und als freier Lektor für verschiedene Verlage. Gelöscht ist sein jugendliterarisches Debüt, nachdem er bereits einen Band mit Kurzgeschichten veröffentlichte. Eigentlich hatte er Gelöscht nicht als Jugendbuch geplant, aber dann entschied er sich »für mich selbst als dreizehnjährigen Jungen mit der Taschenlampe unter der Bettdecke« zu schreiben.
 
 

Veröffentlicht von Rike

20something | bibliomanisches Bücherfresserchen, Leseratte, Bibliophile | begeisterte Fantasy-Leserin, die auch gerne mal queerbeet liest | Studentin der Anglistik, Amerikanistik und Germanistik | bekloppter Sprachnerd, der zusätzlich noch Spanisch, Niederländisch und Russisch lernt | Serienjunkie, Geek (und manchmal Fan) Girl | Whovian | Chaotin | BookCrosserin | Bloggerin seit ca. 2005 und seit 2010 konstant auf Anima Libri - Buchseele

Alle Beiträge von Rike »

Hinterlasse einen Kommentar

Du kannst die folgenden HTML Codes in deinem Kommentar verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

*

%d Bloggern gefällt das: