Rezension zu Das Buch der verlorenen Dinge von John Connolly

London zu Beginn des Zweiten Weltkriegs: Kein halbes Jahr nach dem Tod seiner Mutter muss der 12jährige David mit ansehen, wie eine neue Frau, Rose, in das Leben seines Vaters tritt und diesem schon bald darauf einen weiteren Sohn, Georgie, schenkt. David ist gezwungen mit seinem Vater zu dessen neuer Frau und seinem Halbbruder zu ziehen.

Und obwohl Rose sich wirklich bemüht Zugang zu ihrem Stiefsohn zu bekommen, zieht dieser sich immer mehr zurück. In seinem Zimmer unter dem Dach, das einst Rose’s Onkel Jonathan gehört hatte, der im Alter von 14 Jahren gemeinsam mit seiner 7-jährigen Adoptivschwester Anna spurlos verschwand, vergräbt er sich in seine und Jonathans Bücher. In Bücher, die zu ihm sprechen seit er seine Mutter verloren hat und in den Büchern die Erinnerung an sie, die sie stets mit ihm zusammen gelesen hat und sich, als sie aufgrund ihrer Krankheit bettlägrig wurde, von ihm hat vorlesen lassen und daher für David untrennbar mit dem gedruckten Wort verbunden ist, gesucht hat.

Doch die Stimmen der Bücher sind nur den Anfang. Als die Situation daheim eskaliert und David nur noch weg will, gelangt er durch einen Riss in der Gartenmauer in eine andere Welt. In eine Welt, in der Geschichten lebendig geworden sind. Vor allem die altbekannten Märchen und Sagen, allerdings nicht ganz so, wie man es wohl erwarten würde.

Vor einer zauberhaften Kulisse der etwas anderen Art erzählt Connolly die eigentlich ganz reale Geschichte eines Jungen, der seine kindliche Unschuld nur allzu schnell hinter sich lassen muss. Schon von der ersten Seite an, schwebt ein düsterer Schatten über der Geschichte des jungen Davids. Denn das ist diese Geschichte: Düster, bedrückend, Angst einflößend und traurig. Davids Geschichte, die Geschichte seines Erwachsenwerdens ist geprägt von großem Leid, angefangen beim Tod seiner Mutter, aber auch voll heller Lichtschimmer und voller überraschender, erfreulicher Zusammentreffen und der Leser wird durch nicht wenige überraschende und überraschend lustige „Zwischenfälle“ immer wieder zum Schmunzeln gebracht.

Ganz ungezwungen und ohne, dass man das Gefühl hat, einem würde die ganze Zeit ein imaginärer belehrender Zeigefinger über dem Kopf schweben, baut diese Geschichte ihre eigene, fesselnde Spannung auf, die den Leser schon nach wenigen Seiten ganz in ihren Bann zieht. Es mangelt weder an Tiefgründigkeit, noch an Action oder heiteren Szenen und auch wenn die oft so offensichtlich obligatorische Liebesgeschichte hier fehlt, vermisst man sie doch kein bisschen, emotional ist das Buch auch so und ich finde alleine das zeigt schon was für ein geniales Werk Connolly da gelungen ist.

Ein schaurig-schöner und märchenhaft-böser Lesespaß, der schlicht und einfach absolut empfehlenswert ist. Allerdings ist „Das Buch der verlorenen Dinge“ kein Kinderbuch, sondern wohl eher für erwachsene Leser empfehlenswert.

Veröffentlicht von Rike

20something | bibliomanisches Bücherfresserchen, Leseratte, Bibliophile | begeisterte Fantasy-Leserin, die auch gerne mal queerbeet liest | Studentin der Anglistik, Amerikanistik und Germanistik | bekloppter Sprachnerd, der zusätzlich noch Spanisch, Niederländisch und Russisch lernt | Serienjunkie, Geek (und manchmal Fan) Girl | Whovian | Chaotin | BookCrosserin | Bloggerin seit ca. 2005 und seit 2010 konstant auf Anima Libri - Buchseele

Alle Beiträge von Rike »

1 Kommentare zu “Rezension zu Das Buch der verlorenen Dinge von John Connolly”

Hinterlasse einen Kommentar

Du kannst die folgenden HTML Codes in deinem Kommentar verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

*

%d Bloggern gefällt das: