Rezension zu Die unsichtbare Bibliothek von Genevieve Cogman

Ich bin mir wirklich nicht sicher, was genau ich von Genevieve Cogmans „Die unsichtbare Bibliothek“ erwartet habe, besonders hoch waren meine Erwartungen aber nicht, immerhin habe ich vorher beim besten Willen nicht nur positives über diesen Roman gehört. Dafür konnte mich die Autorin dann aber doch noch positiv überraschen, auch wenn die Geschichte wirklich nicht ohne Schwächen daher kommt.

Im Zentrum des Romans steht die titelgebende Bibliothek, eine Bibliothek zwischen den Welten, deren Bibliothekare sich auf der Suche nach seltenen Büchern zwischen den verschiedenen Alternativwelten hin und her bewegen. Eine dieser Bibliothekarin ist Irene und ihr neuster Auftrag beinhaltet eine besondere Ausgabe der Grimmschen Kinder- und Hausmärchen, einen geheimnisvollen Schüler, eine skrupellose Rivalin und ein Steampunk-London voller seltsamer Gestalten – nicht gerade die schlechtesten Voraussetzungen für einen spannenden Roman!

Leider konnte mich das Konzept einfach nicht so ganz überzeugen. Die Bibliothek ist eine kalte, durchtriebene Institution, gezeichnet von Intrigen und geheimen Agenden und voller zwielichtiger, manipulativer (und unsterblicher) Bibliothekare, deren Ziele alles andere als klar sind und die die ihnen unterstellten Juniorbibliothekare wie Schachfiguren zu benutzen scheinen. Und Irene scheint diese Zustände nicht wirklich zu hinterfragen, ihre Loyalität der Bibliothek gegenüber scheint allumfassend und sie scheint nicht wirklich zu kümmern, was in den einzelnen Welten, die sie besucht, passiert, solange sie die Bücher, mit deren Beschaffung sie beauftragt wurde, in ihre Finger bekommt – auf welchem Weg auch immer.

Dementsprechend war mir Irene nur begrenzt sympathisch, besonders als eine der Figuren anfängt ihre und die Motivationen der Bibliothek zu hinterfragen und ihre Antworten einfach nur lächerlich egozentrisch und kalt sind – ja, es macht Sinn nicht einfach völlig neue Techniken in unterentwickelte Welten zu bringen, aber die Bibliothekare scheinen sich wirklich um nichts zu kümmern außer Bücher. Und um Chaos vs. Ordnung vielleicht noch, allerdings wird da dann die Hintergrundgeschichte langsam löchrig, denn ich hatte das Gefühl, dass viele Aspekte und Besonderheiten (z.B. die Sache mit der Zeit, die offenbar überall anders verläuft und manchmal auch stehen bleibt?) nur halb oder gar nicht erklärt wurden und das wird auf Dauer doch relativ nervig.

Dafür werden andere Dinge quasi zu Tode diskutiert in den Gesprächen der Figuren und während jeder Leser mit etwas gesundem Menschenverstand Irene, ihrem Schüler Kai und dem Detektiv Vale, mit dem sie sich anfreunden, immer drei Schritte voraus zu sein scheint, stellen sich die Figuren der Geschichte manchmal wirklich grenzenlos dämlich an – das spielt dann auch in vielen Fällen wieder direkt mit diesen nur halb oder gar nicht erklärten Dingen zusammen, zum Beispiel habe ich mich wiederholt gefragt, wo genau für die Bibliothekare die Grenze zwischen Fiktion und Realität, zwischen Chaos und Ordnung liegt und vor allem wo da eigentlich die Norm liegt, was der Maßstab ist und warum Irene als eigentlich doch so abgeklärte, halbwegs erfahrene (Junior)Bibliothekarin vielen Dingen gegenüber so grenzenlos ignorant ist.

Alles in allem macht sich Genevieve Cogman in ihrem Debütroman „Die unsichtbare Bibliothek“ meiner Meinung nach einiges einfach dadurch zunichte, dass viele Infos über die Bibliothek sehr schwammig bleibt und die Distanz zu den Charakteren sehr groß ist, was nicht zu letzt an der teils wirklich auffällig umständlichen Sprache liegt. Außerdem gibt es von mir ein paar zusätzliche Minuspunkte, weil der zweite Band im gleichen Steampunk-London spielt, statt das Potential der Bibliothek und der Alternativwelten zu nutzen – wirklich schade, aber das Potential ist definitiv da und ich bin gespannt auf den zweiten Band!

Veröffentlicht von Rike (Filia Libri)

20something | bibliomanisches Bücherfresserchen, Leseratte, Bibliophile | begeisterte Fantasy-Leserin, die auch gerne mal queerbeet liest | Studentin der Anglistik, Amerikanistik und Germanistik | bekloppter Sprachnerd, der zusätzlich noch Spanisch, Niederländisch und Russisch lernt | Serienjunkie, Geek (und manchmal Fan) Girl | Whovian | Chaotin | BookCrosserin | Bloggerin seit ca. 2005 und seit 2010 konstant auf Anima Libri - Buchseele

Alle Beiträge von Rike (Filia Libri) »

Hinterlasse einen Kommentar

Du kannst die folgenden HTML Codes in deinem Kommentar verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

*