Rezension zu Smoke von Dan Vyleta

In der Welt, die Dan Vyleta in „Smoke“ geschaffen hat, einem viktorianischen England der etwas anderen Art, sind Sünden für jeden sichtbar. Wer sündigt, der fängt an zu rauchen. Nicht immer und je nach Sünde auf unterschiedliche Art bzw. unterschiedlich intensiv, aber im Großen und Ganzen lässt sich sagen, Sünden werden in dieser Welt durch den Rauch vor aller Augen bloßgelegt. Das ist ein zugegebenermaßen großartiger Ansatz, aus dem sich so viele gesellschaftliche Konsequenzen ziehen lassen… Und genau diese hat der Autor – zumindest anfangs – auch hervorragend umgesetzt.

Denn es gibt diese Bücher, die klingen einfach so unglaublich gut! Und dann fängt man an sie zu lesen. Und man liest und liest. Und irgendwann will man einfach nicht mehr weiter lesen. So ungefähr ging es mir mit diesem hier eben auch – super Prämisse, toller Anfang und dann? Luft raus. Die Geschichte wurde zäh und langatmig und die Seiten zogen sich quälend langsam dahin. Und das Schlimmste daran? Hält man die über 600 Seiten durch, wird man nicht einmal mit einem vernünftigen Ende belohnt! Aber fangen wird vorne an:

Die Gesetze des Rauchs sind komplex. Nicht jede Lüge löst ihn aus. […] Manchmal kannst du haarsträubend lügen und wirst verschont.

Smoke von Dan Vyleta, Seite 17

So beginnt die Geschichte in einem Jungeninternat, in dem die Söhne der besseren Gesellschaft zu ‚reinen‘ Menschen, Menschen ohne Sünde, Menschen, die niemals rauchen, erzogen werden sollen. Denn ein Gentleman raucht nicht, genauso wenig wie eine Lady. Rauchen tun nur Kinder, die es nicht besser wissen, und das einfache Volk, das von Natur aus sündig ist. Wer etwas auf sich hält, der raucht nicht, und er hält sich auch von denen fern, die es tun – denn Rauch ist ansteckend! Er vernebelt die Gedanken, schwächt das Urteilsvermögen, ruft Zorn und Lust hervor. Oder kurz gesagt: Rauch entsteht durch Sünde und ruft Sünde hervor. So steht es schon in der Bibel.

Aber natürlich sind die Regeln des Rauchs nicht so glasklar, wie die Kirche und andere sie gerne hätten. Das stellen auch die Protagonisten, Schuljungen Thomas und Charlie, bald fest. Und nicht nur das, Rebellion liegt in der Luft, Verschwörungen, die seit Jahren hinter den blütenreinen Fassaden des Adelshäuser wachsen. Aber woher kommt der Rauch überhaupt? Gab es ihn tatsächlich schon immer, so wie es in der anglikanischen Bibel steht, oder haben die Forscher vom Festland, über deren Theorien und Erfindungen in England dank eines umfassenden Embargos eigentlich niemand etwas wissen dürfte, mit ihren neumodischen Erkenntnissen recht? Und wenn der Rauch nicht Gottgegeben ist, gibt es ein Mittel gegen ihn?

Die Leute Ihres Stands sind wie Engel: helle Wangen, Hände wie Marmor, Laken so weiß wie an dem Tag, an dem sie gesponnen wurden. […] Gott hat sie auserwählt, zu etwas Besonderem erkoren.

Smoke von Dan Vyleta, Seite 264

„Smoke“ ist ein seitenstarkes Werk, unterteilt in mehrere Abschnitte, im Laufe derer man an der Seite der Helden immer tiefer in all die Verschwörungen eindringt. Dabei ist die Sprache im Roman durchgehend detailverliebt, was hier definitiv passt, mich aber nie zu 100% überzeugen konnte – der Funke ist einfach nicht übergesprungen. Woran das lag? Zum einen wohl daran, dass ich mit Romanen, die im Präsenz geschrieben sind, generell oft Probleme habe. Hauptsächlich lag die Schwierigkeit aber wohl in der Erzählperspektive und ihren ständigen Wechseln. Nicht nur wird die Erzählung abwechselnd aus der Ich-Perspektive verschiedener Figuren, inklusive Thomas, Charlie und Livia, erzählt, im Wechsel dazu gibt es auch immer Abschnitte mit einem personalen Erzähler, der ebenfalls aus der Perspektive wechselnder Figuren erzählt.

Einerseits gibt einem das natürlich tiefere Einblicke in die Gefühls- und Gedankenwelten der einzelnen Personen, andererseits distanzieren gerade die Abschnitte aus der Sicht von Figuren, die nicht zu den Hauptfiguren gehören, den Leser vom Geschehen. Und diese Distanz war wohl das, was mich nachher am meisten gestört hat und durch die auch der eigentlich so bildhafte, eindrucksvolle Schreibstil und damit das gesamte Buch viel von seinem düsteren Feeling und seiner Eindringlichkeit verliert. Außerdem wirken gerade in der zweiten Hälfte des Romans einige der Abschnitte mit personalem Erzähler relativ unnötig und scheinen den Roman nur künstlich in die Länge zu ziehen. Aber Erzählperspektive und -tempo waren tatsächlich nicht mein Hauptproblem mit der Geschichte.

Glaubst du, du bist das erste Mädchen, das sich fragt, ob es lieber mit einem netten Jungen glücklich oder mit einem Schuft unglücklich werden soll?

Smoke von Dan Vyleta, Seite 473

Das Hauptproblem war die Handlung. Ja, sie fängt vielversprechend an, das Gesellschaftsporträt einer Welt, in der Sünde sichtbar ist, ist gerade in den ersten zwei, drei Abschnitten des Romans durchaus beeindruckend. Auch dass keiner der Protagonisten von vorne rein als etwas Besonderes auserkoren ist, ist eine erfreuliche Abwechslung. Aber natürlich kommt auch dieser Roman nicht um eine Liebesgeschichte drumherum. Und die ist… unterirdisch. Nicht nur konnte ich nicht einen einzigen Funken spüren, sie hatte auch sonst unterwältigende Ähnlichkeit mit einer 08/15 YA-Romanze. Oh, außerdem, hatte ich schon das mehr oder minder fehlende Ende erwähnt? Natürlich hat der Roman ein Ende, aber das fand ich ausgesprochen dürftig. Nicht nur erfährt man niemals wirklich etwas über den Ursprung des Rauchs, man erfährt auch nichts über seine Zukunft.

Und insgesamt? Naja, insgesamt war Dan Vyletas „Smoke“ halt einfach nicht das, was ich mir erhofft hatte. Aus dem vielversprechenden, gesellschaftskritischen Ansatz wurde etwas, das erstaunlich schwammig war und vor allem fehlt der Geschichte jedes Ende. Oder zumindest fand ich das vorhandene Ende alles andere als befriedigend. Von mir gibt es dafür leider keine Empfehlung, dafür waren die mehr als 600 Seiten alles in allem zu schwerfällig und haben sich nachher zu sehr in Klischees verlaufen.

Für Fans von…

  • paranormalen viktorianischem England
  • offenen Enden
  • Dreiecksgeschichten

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Veröffentlicht von Rike (Filia Libri)

20something | bibliomanisches Bücherfresserchen, Leseratte, Bibliophile | begeisterte Fantasy-Leserin, die auch gerne mal queerbeet liest | Studentin der Anglistik, Amerikanistik und Germanistik | bekloppter Sprachnerd, der zusätzlich noch Spanisch, Niederländisch und Russisch lernt | Serienjunkie, Geek (und manchmal Fan) Girl | Whovian | Chaotin | BookCrosserin | Bloggerin seit ca. 2005 und seit 2010 konstant auf Anima Libri - Buchseele

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