Rezension zu Der Fluch des Wüstenfeuers von A.S. Bottlinger

Im März 2013 habe ich Andrea Bottlingers Debütroman „Aeternum“ gelesen und ein Interview mit der Autorin zu diesem geführt. Nun, mehr als drei Jahre später, habe ich ihren neuen Roman „Der Fluch des Wüstenfeuers“ in die Finger bekommen. Auf den ersten Blick war mir gar nicht klar, dass die beiden Romane von der selben Autorin stammen, denn bei Klett-Cotta veröffentlicht sie als A.S. Bottlinger. Aber Namen sind ja eh nur Schall und Rauch, das wichtigste in diesem Fall ist ja, ob mir „Der Fluch des Wüstenfeuers“ auch nur annähernd so gut gefallen hat wie damals „Aeternum“. Und ich muss sagen, mir hat dieser neue Roman sogar noch besser gefallen.

Ich bin allerdings weder ein Fan des Covers noch der Inhaltsangabe. Ich meine, das Cover ist okay, stellt aber keine wirkliche Szene aus dem Buch da. Außerdem mag ich einfach keine Cover mit Personen 😅 Und die Inhaltsangabe… Naja, die erzählt im Grunde die halbe Geschichte, ohne wirklich ein Gefühl für diese zu vermitteln. Warum tuen Inhaltsangabenschreiber das? Den größten Teil der Geschichte vorwegnehmen so als wären drei Viertel des Buchs nur Einleitung? Naja, aber das ist ja auch nichts Neues und zumindest vermittelt diese Inhaltsangabe keinen völlig falschen Eindruck von der Geschichte. Womit wir beim Hauptthema wären: Der Geschichte selbst!

»Nein ist ein Wort, das eine Dame aus gutem Hause nicht kennt«, hatte Iarets Mutter immer gesagt. »Nein ist stark und entschlossen und eigensinnig. Und niemand will so eine Frau.« […] »Nein ist für Männer.« […] »Pläne und Ziele sind für Männer.«

Der Fluch des Wüstenfeuers von A.S. Bottlinger, Seite 84f

Ich weiß nicht, was genau ich von „Der Fluch des Wüstenfeuers“ erwartet habe – oder warum ich immer „Der Zorn des Wüstenfeuers“ schreiben will -, aber was mich zwischen den Buchdeckeln erwartet hat, hat mich definitiv überrascht. Auf eine durch und durch positive Art und Weise. Denn die Geschichte hat sowohl eine unerwartete Erzählstruktur als auch einen ungewöhnlichen Hauptschauplatz. Erzählt wird die Geschichte, die eigentlich hauptsächlich Iarets ist, mehrere Jahrzehnte später von Ahat, einem der letzten Zeitzeugen, am Lagerfeuer. Und spielen tut die Haupthandlung fast ausschließlich im Kerker.

Schon auf den ersten Seiten wird klar: Mythos und wahre Geschichte liegen nah beieinander und oft lässt sich schon nach wenigen Jahrzehnten nicht mehr sagen, was genau was ist und wie gerechtfertigt der Ruf einer Person wirklich ist. Denn diese Frage stellen sich auch einige der Historiker in der Stadt Niat und so macht sich eine von ihnen auf, um den Nomaden Ahat zu treffen, einen der letzten Zeitzeugen des Kampfes zwischen Secham und Iaret. Die Frage ist, wer waren die beiden eigentlich, wer war wirklich Held und wer Tyrann – oder sind die Dinge vielleicht gar nicht so schwarzweiß zu sehen?

Ahat erzählt also mit Unterstützung seines Freundes und Wahlbruders, der ebenfalls ein Zeitzeuge ist, von dem, was vor all den Jahrzehnten geschehen ist. Davon, wie er, der in Ungnade gefallene Sohn des Herrschers Secham, im Kerker die Mörderin Tehu, den Dieb Chen und vor allem die Haremsdame Iaret trifft. Davon, wie sie im Kampf gegen die Zeit versuchen, das Geheimnis des Kerkers zu lüften und das Mal auf Iarets Stirn – das ihre Magie bannt und ihr den Tod bringen wird – zu lösen. Von all den Entscheidungen, die sie treffen mussten, und den Motivationen, die dahinter standen.

Hauptperson des Romans ist eigentlich Iaret, auch wenn sie niemals direkt zu Wort kommt. Aber es ist ihre Geschichte, die in der Stadt Niat und der umgebenden Wüste zur Legende wurde, ihre Geschichte, die Ahat am Lagerfeuer erzählt. Es ist die Geschichte einer Frau, die in einer Welt aufgewachsen ist, in der Frauen Eigentum sind, ohne Rechte, ohne Meinungen – und ohne ein Anrecht darauf, die Magie, was Feuer der Wüste, zu nutzen. Nur dass Iaret plötzlich lernen muss, sich selbst zu behaupten und ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. Es ist die Geschichte davon, die eigene Freiheit zu finden – und zu lernen, dass auch Freiheit ihren Preis hat und jede Entscheidung zwei Seiten.

Ich bin mir nicht sicher, was ich denken soll. […] Aber ich meine, vielleicht ist es falsch, unsere Geschichte in Tyrannen und Helden zu unterteilen.

Der Fluch des Wüstenfeuers von A.S. Bottlinger, Seite 366

Der ungewöhnliche Erzählstil – die Geschichte, die am Lagerfeuer erzählt wird, und die Rahmenhandlung der drei Gestalten, die am Lagerfeuer sitzen – hat mich schon auf den ersten Seiten in seinen Bann ziehen können, er passt einfach großartig und macht die ganze Geschichte zu etwas wirklich besonderem. Auch dass die Geschichte fast vollständig in der düsteren und grausamen Parallelgesellschaft des Kerkers spielt, scheint auf den ersten Blick vielleicht einseitig oder langweilig, ist meiner Meinung nach aber genau das Richtige für diese Geschichte und vor allem ist der Kerker schon fast so etwas wie ein eigener Charakter.

Alles in allem ist „Der Fluch des Wüstenfeuers“ von AS Bottlinger ein Roman, der mich von der ersten bis zur letzten Seite überrascht hat und zwar durchweg positiv. Er erzählt in einem ungewöhnlichen Format vom Kampf um die Freiheit und dem Preis, den man dafür zahlen muss, von Entscheidungen, die zweischneidige Schwerter sind und einmal manchmal nur die Wahl zwischen Pest und Cholera lassen und davon, wie leicht aus Geschichte Mythos wird. Mir hat der Roman durchweg gut gefallen und ich kann ihn nur jedem Fantasyfan mit Lust aufs Ungewöhnliche ans Herz legen!

Für Fans von…

  • Grauzonen statt Schwarz-Weiß-Malerei
  • Dschinn und Wüsten
  • ungewöhnlichen Settings und Styles

Was andere Blogger sagen:

Habt ihr das Buch gelesen und rezensiert? Dann lasst mir doch einen Kommentar da und ich verlinke eure Rezension hier 😊

Veröffentlicht von Rike

20something | bibliomanisches Bücherfresserchen, Leseratte, Bibliophile | begeisterte Fantasy-Leserin, die auch gerne mal queerbeet liest | Studentin der Anglistik, Amerikanistik und Germanistik | bekloppter Sprachnerd, der zusätzlich noch Spanisch, Niederländisch und Russisch lernt | Serienjunkie, Geek (und manchmal Fan) Girl | Whovian | Chaotin | BookCrosserin | Bloggerin seit ca. 2005 und seit 2010 konstant auf Anima Libri - Buchseele

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