Rezension zu Das Juwel: Die Gabe von Amy Ewing

„Das Juwel: Die Gabe“ ist der Auftag zu einer dystopischen YA-Serie von Amy Ewing, der sich wie eine nicht gerade gelungene Mischung aus Margaret Atwoods „The Handmaid’s Tale“ (der deutsche Titel ist wohl „Der Report der Magd“) und der „Selection“ Serie von Kiera Cass liest: Erzwungene Leihmutterschaft zur Erhaltung einer unfruchtbaren Elite in einer post-apokalyptischen Gesellschaft trifft auf weichgespülten Disney Glitzer und Glamour inklusive Insta-Love und atemberaubender Ballkleider. Ach, und Magie gibt es auch. Juchee! 😐

Das Erste, was mich irgendwie irritiert hat, war tatsächlich die Magie. Denn in der Einzigen Stadt, deren Mittelpunkt das Juwel bildet, in dem der Adel lebt, der durch einen Gendefekt keine lebensfähigen Kinder mehr zeugen kann, werden in den äußeren Ringen der Stadt, die außer dem Juwel noch aus dem Sumpf, der Farm, dem Schlot und der Bank besteht, Mädchen mit besonderen Genen geboren, Mädchen, die die Gabe haben, mit der sich der kaputte Genpool des Adels reparieren lässt und die deshalb als Surrogate (Leihmütter – warum wurde das nicht übersetzt, sonst aber außer einigen Eigennamen alles? Und warum wird dann auch noch ein falscher Plural verwendet?! Das sollte Surrogates heißen!) herhalten müssen. Diese Gabe, die eigentlich aus drei Teilen besteht, nennt sich Auspizium und das hat sich mir dann doch das ganze Buch über nicht erschlossen: Warum sind diese drei Gaben nach dem antik-römischen Brauch der Weissagung durch Vogelschau benannt? Aber die Namen in diesem Buch sind sowieso etwas… seltsam, auch ohne die in meinen Augen leicht fragwürdige mal so, mal so Übersetzungspolitik der deutschen Ausgabe.

Aber wie dem auch sei, unsere Protagonistin, die getreu der thematisch sortieren Namensgruppen Violet heißt, ist natürlich nicht nur einfach eine Surrogate, nein, sie ist auch außerordentlich gut aussehend (offenbar scheint die Veranlagung für Schönheit mit der Surrogate-Genanomalie einherzugehen, völlig unabhängig von ethnischen Gruppen oder irgendwelchen Regeln der Vererbungslehre) und natürlich auch klug, intelligent, talentiert und wahnsinnig begabt in Sachen Auspizien. Kurzum, sie ist perfekt. Und sie ist langweilig. Grenzenlos langweilig. Ich meine, sie ist halt perfekt, da bleibt nicht viel Spielraum für Charakterentwicklung und dergleichen. Allerdings muss man auch zugeben, dass über weite Teile des Buchs nicht allzu viel passiert. Klar, die Surrogate(S!!!) landen bei ihren neuen Besitzerinnen und man bekommt zumindest etwas Hintergrundinformationen, aber ansonsten? Das Motto lautet Kleider, Kleider, Kleider! Oh, und Instantliebe. Denn, ganz ehrlich, nachvollziehen konnte ich diese absolute Anziehung zwischen Violet und dem Objekt ihrer Begierde überhaupt nicht, so wie ihre Treffen geschildert wurden, wirkte das alles eher wie gesteigerter Sextrieb zweier vollpubertärer Teenager denn eine tiefe, herzergreifende und unsterbliche Liebe.

Aber so grässlich das jetzt auch klingt, gelesen habe ich Amy Ewings Roman „Das Juwel: Die Gabe“ trotzdem innerhalb weniger Stunden und ich fand es eigentlich auch recht unterhaltsam – ziemlich gehaltlos aber unterhaltsam. Die Geschichte hat halt durchaus Potential, die Idee mit den Surrogate erinnerte mich an den bereits erwähnten Roman von Margaret Atwood, allerdings fehlt die düstere, brutale Ausstrahlung fast vollständig, die Geschichte wirkte ziemlich weichgespült, in Disney-Manier verniedlicht und für ein  jüngeres Publikum angepasst – die gesamte Atmosphäre und auch der Stil erinnern irgendwie sehr an die ebenfalls schon erwähnte „Selection“-Serie von Kiera Cass – die ich ja aber auch mit relativ großer Begeisterung verschlungen habe.

Alles in allem eins dieser Bücher, deren zweiten Band ich mir nicht zwingend zulegen muss, sollte ich ihn aber zufällig in die Hände kriegen, werde ich ihn wohl lesen – einfach, um zu sehen, wie es weitergeht (ich mochte den Cliffhanger am Ende nämlich). Ansonsten gibt es hier eine tolle Idee und einen guten Schreibstil, kombiniert mit weichgespültem Disney-Glitzer und stereotypischen Charakteren – nichts, was man gelesen haben muss, aber wer drauf steht, für den könnte es ziemlich unterhaltsam werden 😉

Veröffentlicht von Rike

20something | bibliomanisches Bücherfresserchen, Leseratte, Bibliophile | begeisterte Fantasy-Leserin, die auch gerne mal queerbeet liest | Studentin der Anglistik, Amerikanistik und Germanistik | bekloppter Sprachnerd, der zusätzlich noch Spanisch, Niederländisch und Russisch lernt | Serienjunkie, Geek (und manchmal Fan) Girl | Whovian | Chaotin | BookCrosserin | Bloggerin seit ca. 2005 und seit 2010 konstant auf Anima Libri - Buchseele

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3 Kommentare zu “Rezension zu Das Juwel: Die Gabe von Amy Ewing”

  1. Huhu 🙂
    endlich mal eine Rezension, die nicht so begeistert klingt.
    Ich selber fand das Buch einfach enttäuschend und die Handlung grotesk. Das die Auspizien nicht richtig erklärt werden und Surrogate(s) ist mir auch aufgefallen. Das Buch habe ich wirklich schnell gelesen, weil der Schreibstil gut ist aber das wars auch schon.
    Liebe Grüße
    Franzi

    1. Hey,

      genau, das Buch lässt sich erschreckend schnell lesen, dafür dass es eigentlich totaler Stuss ist 😀 Bin ich froh, dass andere das auch so sehen. Wobei, es hat halt auch durchaus einen gewissen Unterhaltungsfaktor, wenn man denn auf diesen ganzen Glitzer-Glamour-Kram steht und der Rest für einen nur mehr oder minder abwechslungsreiche Kulisse ist.
      Aber ein literarisches Juwel ist es eindeutig nicht! 😉

      LG
      Hannah

  2. Hey!
    Auch so eine wundervolle Rezension. Du hast es echt drauf, deine Gedanken auf den Punkt und dem Leser nahe zu bringen. Dieses Buch steht auf meiner Wunschliste, aber ich schwanke noch, ob ich es mir kaufen soll. Mir ging es mit der Selection Reihe so. Eigentlich fesselte sie mich nicht, aber aufhören zu lesen konnte ich irgendwie auch nicht…
    LG
    Yvonne

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