Interview mit Tad Williams

Diese Woche gibt es ein ganz, ganz besonderes Interview: Nämlich mit Tad Williams, einem der Kult-Autoren in den Genres High/Epic Fantasy und Science Fiction. Sein neuster Roman DIE DUNKLEN GASSEN DES HIMMELS, eine düster-witzige Urban Fantasy Geschichte über Himmel und Hölle, ist gerade erst auf Deutsch im Klett-Cotta Verlag erschienen und der Autor war so freundlich ein paar Fragen zum Buch zu beantworten.
Viel Spaß beim Lesen, ich freue mich auf eure Kommentare! 😉

Interview mit Tad Williams

Interview mit Tad Williams

Hi Tad, willkommen auf meinem Blog und vielen Dank, dass Du Dir die Zeit genommen hast, um meine Fragen zu beantworten!

Du bist ein wirklich sehr bekannter und etablierter Autor und vielleicht sogar einer der weltweit bekanntesten High Fantasy / Science Fiction Autoren. Aber warum, und wie, bist Du überhaupt Autor geworden?
Mehr oder weniger zufällig. Ich wollte immer ein Erschaffer und Geschichtenerzähler sein, aber von all den Dingen, die ich gemacht habe (Theater, Musik, Radio, Cartoons, Illustrationen) war Schreiben einfach das erste, wo mir irgendwer genug Geld geboten hat, um überhaupt darüber nachzudenken, es zu meinem Job zu machen. Es hätte auch anders laufen können.

Wie sieht Dein durchschnittlicher Arbeitstag als Autor aus?
Nicht sehr nach Arbeit, zumindest die wichtigen Teile nicht. Ich sichte zwei oder drei Stunden tatsächlich vor der Tastatur und die restliche Zeit über denke ich darüber nach, was ich schreiben werde. Ich finde es einfacher und praktischer die Ideen erst ausführlich in meinem Kopf durchzugehen bevor ich sie zu Papier bringe. Das ist besonders bei den großen Geschichten mit mehreren Plotlines wichtig, weil sie so ähnlich wie sehr komplexe Puzzles sind. Daher verbringe ich viel Zeit damit ins Nichts zu starren bevor ich mich tatsächlich mal hinsetze, um meine zehn Seite oder so zu schreiben.

Kannst Du DIE DUNKLEN GASSEN DES HIMMELS in drei Worten beschreiben?
Schnell, witzig, freakig.

Dieses Buch ist ziemlich anders als Deine bisherigen Arbeiten. Es ist weder Epic Fantasy noch Science Fiction und es ist auch sehr viel düsterer und intensiver. War es für Dich schwierig etwas so anderes zu schreiben?
Nein. Genau wie ich mich auch einfach auf ein Theater- oder Filmprojekt hätte stürzen können, könnte ich auch einfach andere Bücher schreiben, obwohl ich Fantasy/Science Fiction wegen der Freiheiten, die diese Genres bieten, bevorzuge. (Und weil sie meine erste Liebe waren.) Ich fand es toll etwas zu schreiben, dass ich so schnell bewegt, weil es nur eine Plotline hat (der Protagonist ist auch der Erzähler) und ich mag es wirklich eine moderne Welt zu haben, mit der ich spielen kann, weil das die Welt ist, in der ich lebe. Außerdem darf ich hier meinen Sinn für Humor zeigen (zumindest denke ich, dass es das ist) und das ist ein großer Teil von mir. War es immer aber manchmal kann er kaum in meine anderen Bücher hineinschlüpfen.

Auch Protagonist Bobby Dollar ist anders als alle Figuren, die wir bisher von Dir kennen. Wie viel von Dir selbst oder Leuten aus deinem Umfeld steckt in dieser Figur?
Bobby ist mir sehr ähnlich, auch wenn er mehr der Macher und weniger der Denker ist. Ich analysiere alles, manchmal so sehr, dass es wirklich lächerlich wird, also denke ich mal, dass das einer der (für mich) attraktiven Aspekte an Bobby ist, der sich langweilt, wenn er Dinge auf die vorsichtige Art machen muss und normalerweise beschließt einfach etwas geschehen zu lassen. Aber sonst steckt sehr viel von mir in ihm.

Himmel und Hölle – ein ziemlich kontroverses Thema und eindeutig ein religiöses. Was hat Dich dazu inspiriert darüber zu schreiben?
Es schien das perfekte Setting für dunkle Geschichten im Noir-Stil zu sein. Es hat außerdem ein bisschen was von einer „Kalter Krieg“ Situation und ich mag diesen ‚Jeder ist dein Feind‘ Aspekt von Spionage-Fiktion. Und es lässt einem viele Möglichkeiten zur Entwicklung von Welt und Charakteren, meine beiden Lieblingsdinge.

Wie viele Nachforschungen hast Du für diesen Roman betrieben und wie sehr wurde die Erzählung durch Deine eigene Religiosität/Spiritualität beeinflusst?
Meine Spiritualität ist vage. Ich glaube, wie auch John Lennon, an Frieden und Liebe. Aber abgesehen davon bin ich hauptsächlich ein wissenschaftlicher Rationalist, aber ich mag Magie und verrückte Ideen und die meisten Religionen liefern dieser Begeisterung viel Futter. Und, da ich nun mal ich bin, versuche ich den Glauben und die Traditionen anderer Leute mit etwas Respekt zu behandeln, selbst wenn ich nicht selbst daran glaube. Was die Nachforschungen angeht: Sehr viel, wirklich. Nicht zuletzt, weil ich eine fiktive Stadt in der Gegend erschaffen habe, in der ich aufgewachsen bin – hauptsächlich bodenständige Vorstädte – und ich wollte mich dabei an die Geschichte der Gegend halten. Aber natürlich, man kann nicht über Engel und Dämonen schreiben ohne Nachforschungen anstellen zu wollen und ich habe auch ziemlich viel über die Geschichte religiöse Gedanken und Bilder gelesen. Also ja, ziemlich viele Nachforschungen.

Wie sehr bist Du in die Arbeit deiner Verleger außerhalb der USA eingebunden, besonders im Hinblick auf Coverdesign und Titelwahl für Übersetzungen? Und irgendwelche Gedanken zum deutschen Titel DIE DUNKLEN GASSEN DES HIMMELS?
Meine deutschen Verleger sind von denen außerhalb der USA die, die mich am meisten mit einbezogen haben und ich habe eine sehr gute Beziehung zu ihnen entwickelt. Ich vertraue darauf, dass sie gute Entscheidungen treffen und bislang haben sie mich auch noch nie enttäuscht. Mein eigenes Deutsch ist leider nicht gut genug, um wirklich eine Meinung zu den meisten Übersetzungsfragen zu haben.

Irgendwelche Hinweise zu anderen Projekten, an denen Du aktuell arbeitest und Dinge, auf die sich deine Leser in der näheren Zukunft freuen können?
Das zweite Bobby Dollar Buch (HAPPY HOUR IN HELL) ist fertig und erscheint in ein paar Monaten auf Englisch. Das Dritte, SLEEPING LATE ON JUDGEMENT DAY (dt. etwa „Verschlafen am Jüngsten Tag“), ist fast fertig. Danach plane ich weiter eigenständige Bobby Dollar Bücher zu schreiben, aber auch andere Dinge, darunter auch wieder mehrere Bände umfassende Epen. Mein nächstes Projekt IST eine mehrere Bände umfassende Geschichte, aber ich bin noch nicht soweit, dass ich es schon groß ankündigen könnte. Bald aber, und ich denke, meine Leser werden interessiert sein.

Vielen Dank für dieses Interview! Irgendwelche abschließenden Worte an deine deutschen Leser?
Die deutschsprachigen Leser waren großartig zu mir, daher ist alles, was ich wirklich zu sagen habe, „Danke!“

Mehr Infos zu Tad Williams und seinen Büchern findet ihr auf seiner Website:

www.tadwilliams.com

Alle, die das Interview nochmal im Original nachlesen wollen, können das hier tun:

Originalfassung (PDF)

Veröffentlicht von Rike

20something | bibliomanisches Bücherfresserchen, Leseratte, Bibliophile | begeisterte Fantasy-Leserin, die auch gerne mal queerbeet liest | Studentin der Anglistik, Amerikanistik und Germanistik | bekloppter Sprachnerd, der zusätzlich noch Spanisch, Niederländisch und Russisch lernt | Serienjunkie, Geek (und manchmal Fan) Girl | Whovian | Chaotin | BookCrosserin | Bloggerin seit ca. 2005 und seit 2010 konstant auf Anima Libri - Buchseele

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1 Kommentare zu “Interview mit Tad Williams”

  1. Tolles Interview. Ich mag Tad Williams Bücher sehr und bin immer noch am Wanken, ob ich genug Geld für das Buch habe 😀 Dabei ist das immer mein geldtechnisch nicht so prickelnder Monat. Die Leseprobe war aber bereits toll.

    Alles Liebe und danke für das Interview, Chimiko

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