Interview mit Becky Chambers

Oha, das letzte Interview mit Katherine Addison ist schon wieder mehr als anderthalb Monate her… Aber okay, ich hatte ja gesagt, ca. ein Interview pro Monat. Also gab es eins im Dezember und hier ist jetzt das Interview im Januar! Meinen Fragen gestellt hat sich diesmal Becky Chambers, die Autorin von „Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten“ (das letztes Jahr ebenfalls im TOR Verlag erschienen ist und das ich zusammen mit Addisons „Der Winterkaiser“ gelesen habe) und dessen Companion Novel „A Closed and Common Orbit“.

Wie immer hoffe ich natürlich, dass ihr Spaß beim Lesen habe und würde mich über Feedback freuen 😉

Interview mit Becky Chambers

Hi Becky, willkommen auf meinem Blog und danke, dass du dir die Zeit genommen hast, ein paar meiner Fragen zu beantworten!

Wenn du einen Tag in einem Buch deiner Wahl verbringen könntest, welches Buch wäre es?
Herr der Ringe: Die Gefährten. Ich würde den ganzen Tag in Rivendell verbringen. Obwohl… hm. Ich würde auch gernebei Bilbos Geburtstag vorbei schauen. Wir ignorieren einfach den eigentlichen Ablauf und reisen durch die Zeit.

Hast du ein Lieblingsmärchen oder eine liebste Märchenadaption?
Ich werde mich hier an mein liebstes Musical halten, Into The Woods. Die Original-Broadway-Produktion hält einen besonderen Platz in meinem Herzen.

Welches Genre liest du am liebsten? Ist es das, in dem du auch am liebsten schreibst oder sind das zwei unterschiedliche Sachen und falls ja, wieso?
Ganz ehrlich, ich tendiere dazu mehr Non-Fiktion zu lesen als Fiktion. Ich liebe wissenschaftliche Texte und Kultur-Historisches und lange Essays, bei denen man nachdenken muss. Ich werde nie müde mehr über die reale Welt zu lesen und diese Begeisterung ist das, was mich dazu antreibt, mir meine eigenen Dinge auszudenken. Wenn ich in der Stimmung für Fiktion bin, lese ich hauptsächlich SciFi. Wenn ich einfach nur der Realität entkommen will, lese ich gelegentlich auch Fantasy. Wir reden hier von richtiger, reiner High Fantasy – Feuerbälle, Elfen und all diese tollen Dinge. Das ist das, was am weitesten weg ist von dem, was ich schreibe und ich finde das beruhigend.

Großartigster, verrücktester und nervigster Moment in deinem Leben als Autorin bisher?
Die großartigsten Momente sind die, wenn ich meine Leser treffen kann, sei es bei Conventions oder Touren oder was auch immer. Ich liebe diese vier Augen Momente zu etwas, das ich mir ausgedacht habe, mit einem Fremden. Das ist ziemlich wundervoll. Und ganz ehrlich, das sind auch die verrücktesten Momente. Es ist immer noch eine totale Überraschung für mich, dass überhaupt jemand meine Bücher gelesen hat! Nervige Momente sind, wenn ich keine Ahnung habe, was ich schreiben soll, oder ich mit der Arbeit, die an dem Tag gemacht habe, unzufrieden bin. Das ist ziemlich frustrierend, besonders wenn so etwas eine Weile anhält. Aber ich weiß auch, dass diese Phasen kommen und gehen und das sie alle Teil des Jobs sind.

Liest du die Rezensionen zu deinen Büchern?
Manchmal. Ich suche sie nicht extra. Wenn mein Verleger mir etwas schickt oder ich auf Twitter über was stolper, dann schau ich mir das an. Ich lese sie allerdings nicht, wenn ich gerade an etwas anderem arbeite. Dann lenkt mich das nur ab und ich denke über die Sachen nach, die ich schon geschrieben habe, statt über die, die ich noch machen muss. Ich schaue mir auch nicht die Kommentare auf Amazon oder Goodreads an. Ich weiß, es gibt Leute, die dort sehr nette Sachen geschrieben habe, aber wenn ich einmal damit anfange, werde ich nie mehr irgendwas anderes schaffen. Außerdem habe ich nicht das Gefühl, dass diese Sachen für mich gemeint sind. Wenn jemand direkt mit mir über meine Arbeit reden möchte, dann freue ich mich darüber. Aber wenn Leser sich untereinander unterhalten, dann ist das ein Gespräch, in das ich mich nicht einmischen möchte.

Kannst du deinen Roman Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planet und seine Companion Novel A Closed and Common Orbit in jeweils nur drei Worten beschreiben?
Der lange Weg: Weltall Road Trip.
A Closed and Common Orbit: Klon + Android = Familie.

In den Wayfarer Romanen kommen viele verschiedene Aliens mit ganz eigenen Kulturen vor, von denen einige sich sehr stark von Menschen unterschieden. Woher hast du die Ideen für ihre Kulturen bekommen und war es schwierig sie so zu beschreiben, dass deine Leser sie sich auch bildlich vorstellen können?
Bei Aliens starte ich normalerweise mit der Biologie. Wie unterscheiden sie sich physisch von Menschen? Wie pflanzen sie sich fort? In welcher Umgebung haben sie sich entwickelt? Was essen sie? Dann überlege ich mir, wie diese Dinge den Aufbau ihrer Gesellschaft beeinflusst haben könnten. Manchmal fange ich mit einem einzelnen Merkmal an, normalerweise etwas, über das ich einem Sachbuch oder einer Natur-Doku gestolpert bin. Die Farbsprache der Aeluon kommt zum Beispiel von meiner Liebe für Kopffüßler. Es sind alles solche zusammengesuchte Fakten und Infos.
Und was die Beschreibungen der Unterschiede für den Leser angeht, ich versuche das so unauffällig wie möglich zu machen – ein paar Details hier und da bis das Gesamtbild Form annimmt. Ich denke, so ist es einfacher zu verstehen. Manchmal braucht es ein oder zwei erklärende Absätze vorab, aber ich versuche immer unterhaltsame Wege zu finden, um so etwas einzubinden. Ich möchte, dass der Leser sich fühlt, als würde er durch dieses Universum hindurch laufen und nicht, als würde ihm nur davon erzählt werden.

Es gibt ja nicht nur all diese Aliens und ihre Kulturen, auch die Menschen sind keine einheitliche Front. Warum hast du dich dazu entschieden sie so darzustellen, statt den Menschen eine gemeinsame (westliche) Kultur/Perspektive zu geben, wie es sonst so oft in SciFi-Romanen der Fall ist?
Weil es einfach nicht passieren würde. Ich kann nicht anders, als aus einer westlichen Perspektive zu schreiben und ich weiß, dass ich einiges an kultureller Prägung und Vorurteilen mitbringe – über einige bin ich mir bewusst, aber es gibt bestimmt noch andere, die ich selbst nicht sehe. Aber ich kann diese Tendenz, uns als Maßstab aller Dinge zunehmen, nicht ausstehen. Es ist unehrlich, kurzsichtig und schädigend. Plus, wir sind nicht mal zu kultureller Einheit in der Lage während wir alle zusammen auf einem kleinen Planeten leben. Wie können wir das dann erwarten, wenn wir von mehreren Planeten, Raumstationen, Generationschiffen und so weiter und so fort sprechen? Besonders wenn man all den Alieneinfluss mit dazu nimmt! Ein Mensch, der in einer Multispezies-Gemeinde fernab des Sonnensystems aufwächst, wird eine grundlegend andere Perspektive haben, als jemand der, sagen wir mal, in einer rein menschlichen Nachbarschaft auf dem Mars aufwächst. Das gleiche gilt natürlich für die Aliens in meiner Galaxie. Sie haben ebenfalls verschiedene Kulturen und Subkulturen (obwohl die Spezies, die in der Galaxie erfolgreich sind, meist eine einheitlichere Kultur haben, als die die es nicht sind). Kulturelle Vielfalt ist unausweichlich und, aus Sicht eines Autors, sie macht die Dinge auch interessanter.

Ich persönlich liebe die Idee von Companion Novels und mir gefallen Serien, die aus Companions statt traditionellen Sequels bestehen, oft besser. Nichtsdestotrotz ist es aber dennoch üblich, eine Geschichte über mehrere Bände hinweg zu erzählen, statt in jedem Band eine neue Geschichte in der gleichen Welt zu erzählen. Wann und wieso hast du dich dazu entschieden, dass Der lange Weg ein alleinstehender Roman wird und dass es aber mit A Closed and Common Orbit einen Companion Novel dazu geben wird?
The Long Way war immer ein in sich abgeschlossenes Ding. Ich wusste, als ich es geschrieben habe, dass das Setting noch sehr viel mehr hergibt, aber ich hatte keine direkten Pläne noch mehr zu schreiben. Die Geschichte über diese Mannschaft war und ist die einzige, die ich hatte. Als mich mein Verleger also gefragt hat, ob ich eine Fortsetzung schreiben wolle, wollte ich nichts erzwingen. Das hätte sich leer angefühlt. Aber Pepper und Lovelaces Geschichte war etwas, das ich mir genauer anschauen wollte, also habe ich das in Closed and Common getan. Ich wusste nicht, dass ich diese Geschichte erzählen würde, als ich The Long Way geschrieben habe, aber ich bin sehr froh, dass ich die Chance bekommen habe.

Kannst du uns sagen, an welchem Projekt du aktuell arbeitest? Wird es weitere Companions in der Wayfarer Serie geben?
Ich kann noch nicht viel dazu sagen, aber ich kann dir sagen, dass ich tatsächlich an einem weiteren Wayfarer Buch arbeite. Gleiches Setting, andere Leute, ganz ähnlich wie Closed and Common. Es spielt an einem Ort, den ich in den anderen Büchern schon erwähnt habe, wo wir aber noch nicht waren.

Und zu guter Letzt: Tee oder Kaffee?
Tee, Kräuter, heiß. Ich liebe den Geschmack von Kaffee und schwarzem Tee, aber ich bin die einzige existierende Autorin, die keinen Koffein mag.

Danke dir, Becky, für dieses großartige Interview und dass du dir die Zeit genommen hast, um diese Fragen zu beantworten. Weiterhin viel Erfolg mit deinem Schreiben!

Für alle, die das Interview im Original nachlesen wollen, habe ich hier die PDF hochgeladen:
Interview with Becky Chambers

Ich hoffe, euch hat das Interview gefallen und würde mich über Feedback freuen ☺ Und natürlich möchte ich euch nochmal ganz, ganz doll die Romane von Becky Chambers ans Herz legen!

Veröffentlicht von Rike

20something | bibliomanisches Bücherfresserchen, Leseratte, Bibliophile | begeisterte Fantasy-Leserin, die auch gerne mal queerbeet liest | Studentin der Anglistik, Amerikanistik und Germanistik | bekloppter Sprachnerd, der zusätzlich noch Spanisch, Niederländisch und Russisch lernt | Serienjunkie, Geek (und manchmal Fan) Girl | Whovian | Chaotin | BookCrosserin | Bloggerin seit ca. 2005 und seit 2010 konstant auf Anima Libri - Buchseele

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